Meinung | Kolumnen | GesMBH
31.12.2011

Ges.m.b.H.: Titanic

Karl Hohenlohe über den wahren Wert eines Stücks Geschichte vom Meeresgrund.

Vor 100 Jahren öffnete sich das Meer und verschlang nicht nur ein Schiff, sondern auch die unbesiegbare Technik, die Ingenieurskunst einer ganzen Generation und Gold und Juwelen von unschätzbarem Wert.

Aber es waren nicht Gold und Juwelen, deren Verlust die Überlebenden am meisten schmerzte, es waren selbstverständlich die Anverwandten und Freunde, und dann gleich die persönlichen Dinge, die einen das ganze Leben begleitet hatten. Die Kette der Tante, das letzte Foto der Großmutter, der Verlobungsring oder den ersten Brief und das Amulett aus Venedig, das man damals vom Ehemann bekommen hatte.

100 Jahre ruhten diese Artefakte auf dem eisigen Grund des Meeres, manche hatten sich im Laufe der Zeit aufgelöst, andere hatten ihre Form verändert, andere wurden von einem Schutzschild aus Rost überzogen, der nicht nur den Gegenstand selbst, sondern auch seine Geschichte konserviert hatte.

Jahrzehnte später fiel plötzlich ein Lichtstrahl auf dieses dunkle Grab, ein künstliches Licht von einem U-Boot mit Greifarmen, das einem Kraken gleich einzelne Gegenstände an sich nahm. Flaschen, Türknäufe, Bilderrahmen, Verlobungsringe und Amulette aus Venedig, die ein Ehemann seiner Ehefrau geschenkt hatte.

Am 15. April, exakt 100 Jahre nachdem das Meer unter grauenhaftem Stöhnen, Knirschen und Ächzen diese Gegenstände in die Tiefe gesogen hatte, werden sie unter erneutem Getöse versteigert. Die Käufer werden für jedes Stück mehr zahlen, als es wert ist.

Eigentlich kaufen sie keinen Gegenstand, sie kaufen ein Stück Geschichte, die vor allem deswegen so wertvoll ist, weil sie schon einmal verloren, aber nicht vergessen war.

Einladungen, Beschwerden, Hinweise: office@hohenlohe.at