Ges.m.b.H.: Strahlkraft

Karl Hohenlohe über die attraktive Ausstrahlung des Todes.

Gestern sah ich den Herrn Minister Berlakovich gleich zwei Mal. Ein Mal, als er im Ministerium die neuen Kandidaten für die "Genussregionen" präsentierte, und dann des Abends, als er im "Demel" ein schönes Buch des "Kulinarischen Erbes" aus der Taufe hob. In beiden Ansprachen ließ er mit der selben Nebenbemerkung aufhorchen: In Österreich sind die Geiger-Zähler ausverkauft! Dieses Faktum lässt Österreich in neuem Licht erscheinen. Jahrhunderte waren wir dafür bekannt, den Tod als unsympathische Begleiterscheinung des Lebens zu begreifen, ihn gerne zu besingen und ihn uns, während eines Leichenschmauses, schönzutrinken.
Wir widmeten ihm Mausoleen, prachtvolle Gräber, Kapellen, Bilder, Heurigenlieder und Museen und glaubten, ihn dadurch zu bändigen. Das Fiakerlied ist die Neunte der Pompfüneberer.
Die Hochachtung vor dem weltweit agierenden Tod ging sogar so weit, dass wir ihn ohne Ministerratsbeschluss einbürgerten: Der Tod muss ein Wiener sein (G. Kreisler). Nun stehen wir dem Tod aber nicht mehr gelassen gegenüber. Wir haben keine Atomkraftwerke, sind von den japanischen Reaktoren in keiner Weise betroffen und trotzdem sind die Geiger-Zähler in Österreich plötzlich ausverkauft. Eine gewisse Vorsicht ist durchaus angebracht, aber man soll nicht übertreiben. Das Warten auf den Tod nährt seine negative Kraft. Man soll seine Augen nicht vor ihm verschließen, aber vielleicht könnten wir ihm wieder lockerer begegnen. Wenn wir dem Geiger-Zähler ein Hofrat voranstellen, ist der erste Schritt bereits gemacht.

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karl.hohenlohe@kurier.at

(kurier) Erstellt am
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