Ges.m.b.H.: Stillzeit

Karl Hohenlohe über wortkarge Menschen.

Gerade erst hat man den berühmten Musiker Hans Theessink im Wiener Rathaus mit einem Orden bedacht. Herr Theessink ist ja nicht nur für sein Gitarrenspiel bekannt, er gilt gemeinhin auch als überdurchschnittlich schweigsamer Geselle. Im Falle Theessink spielt es keine Rolle. Freunde, Verwandte und Familie sind seine Einsilbigkeit gewohnt und schätzen ihn genau so, als ob er eine Plaudertasche wäre.

Viele Menschen jedoch werden mit den Wortkargen nicht warm. Das Nichtbemühen um ein Gespräch zeugt im Allgemeinen doch von Unhöflichkeit und kann zwei vollkommen unterschiedliche Gründe haben: Entweder man langweilt sein Visavis bis zum Erbrechen oder das Visavis ist zu faul, sich den Weg vom Wetter zur Familie, bis hin zu philosophischen Themen zu bahnen.

Der Admiral Tegetthoff war so einer, und als sich meine Urgroßmutter nach 40 Minuten Schweigen nach dem Erfolgsgeheimnis der Schlacht von Lissa erkundigte sagte er: "Bügeleisen" und verlor während des weiteren Abendessens kein einziges Wort mehr.
Bis heute wissen wir nicht, warum.

Ich selbst kann mich an einen wahnsinnig wortkargen Verwandten erinnern, der mir in meiner Jugendzeit berichtete, er würde jeden Tag unter der kalten Dusche stehen und bis 100 zählen. Später sah ich ihn immer wieder, aber wir wechselten kein Wort.
Kurz vor seinem Tod wandte er sich während eines Cocktails völlig unvermutet zu mir und meinte: " Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schnell ich zählen kann ", drei Wochen später war er gestorben und diese beiden, 40 Jahre auseinanderliegenden Sätze, waren die einzigen, die ich jemals von ihm gehört habe.

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karl.hohenlohe(at)kurier.at

(kurier) Erstellt am
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