Meinung | Kolumnen | GesMBH
05.12.2011

Ges.m.b.H.: Festredefreiheit

Soll man eine Laudatio wirklich mit dem Hinweis "Ich gratuliere der Firmenführung für nichts" schließen?

Anlässlich des "Vienna Style Awards" wurde die berühmte Brillen-Schmiede "Silhouette" mit einem Preis bedacht. Der Laudator: Karl H. Die Festrede fand kleinen Anklang. Karl H. gilt als großer Freund der betreffenden Manufaktur, die Gestelle wiegen wenig, die Gläser sind nahezu unsichtbar, kurzum, ein Negligé für den Nasenrücken, ein Hauch von Nichts. So suchte Karl H. das Mode- affine Publikum mit " nichts " vertraut zu machen, u. a. erwähnte er das Bett in Böhmen - der Höhepunkt einer Schlossführung - in dem Napoleon nicht geschlafen hat (der Usurpator zog sein eigenes Feldbett vor). Spannte einen Bogen zu Caspar David Friedrich, den er mit dem Satz: "Sie kennen ihn alle" in Erinnerung rief (retrospektiv betrachtet, ist sich K. H. diesbezüglich nicht mehr so sicher) und erzählte von dem Freund, der den Maler besuchen wollte, von der Haushälterin aber mit dem Hinweis: "Das geht nicht, der Meister malt gerade Luft" abgewiesen wurde. Ein wunderschönes Beispiel für die Anbetung des Nichts. Schließlich schloss Karl H. mit dem Hinweis auf die gestohlene " Saliera ", die, als sie nicht da war, für einen Publikumsansturm sorgte. Unzählige Besucher wollten den Platz sehen, an dem sie nun nicht mehr stand. Diese Art von Luft, Nebel und wunderbarem Vakuum, der Zauber der Zurückhaltung hat die " Silhouette "-Designer nachhaltig inspiriert und man ist ihnen ausgesprochen dankbar dafür. Karl H. schloss seine Laudatio mit dem Hinweis: "Ich gratuliere der Firmenführung für nichts". Der Applaus tröpfelte und es ist nicht auszuschließen, dass sich Karl H. nachher überlegt hat, ob er mit einer oberflächlicheren Betrachtung nicht so schnell untergegangen wäre.