Ges.m.b.H.: Auf die Palme

Karl Hohenlohe über Cannes und Filmkritiker.

Gerade noch sind die Stars an ihnen vorbeigehuscht und haben sie selbst in fahles Licht getaucht. Cannes ist den Berichterstattern immer eine Geschichte wert, manchmal auch zwei. Ohne roten Teppich wäre Cannes nicht Cannes, sondern irgendein Ort mit einem Filmfestival. Dann liest man von Empfängen, Partys und Cocktails, zwischendurch werden verschwommene Bilder von küssenden Stars nachgereicht und - als Höhepunkt - fotografische Aufnahmen von prominenten Damen in Kleidern von prominenten Modeschöpfern, die von Prominenten kommentiert werden.Mut zur Hässlichkeit, steht dann geschrieben, Augenweide oder Fauxpas zwischen Palmen. Tagsüber geht man ins Kino oder muss ins Kino gehen. Die französischen Filmkritiker gehen behutsam mit den eigenen Filmen um, die italienischen nicht. Die deutschen Kritiker schreiben sich die Finger wund, bei manchen österreichischen weiß man nicht, wie man dran ist. An einem Tag lesen wir Menüfolgen vom gestrigen Cineastentreffen und dass die Hauptdarsteller A und B das Abendessen nach zehn Minuten wegen Langeweile verlassen mussten, bekommen ein paar Rülpser von Lars von Trier nachgereicht und sind schon wieder bei den Abendgarderoben (Mut zur Hässlichkeit, Augenweide, Fauxpas zwischen Palmen). Dann, mittags, schon wieder so ein Kinotermin, "The Tree of Life", wieso hat sich Brad Pitt dieses Schmarrns angenommen, werden wir lesen, wirre Handlung, da drüben Kollege L., er buht- na eben -, und die paar Claqueure haben keine Ahnung. "Tree of Life" gewinnt die Goldene Palme. Stille.

Erstellt am 05.12.2011