Meinung | Kolumnen | GesMBH
02.04.2012

Ges.m.b.H.: Alter Ego

Karl Hohenlohe über die Kraft zur Antipathie in reiferen Jahren.

Der Leser Dr. Emmerich H.: "In Ihren frühen Betrachtungen schwang immer etwas Zorn mit, manchmal waren Sie auch beleidigt. Sind Sie geläutert, frei von Argwohn, nie mehr Mimose?"

Es stimmt, dass man in reiferen Jahren mehr Kraft zur Antipathie benötigt und eine Person, die sich mit beleidigenden Äußerungen an einen wendet, seltsam kalt und keinerlei Wut, sondern einzig Desinteresse zurücklässt. Als Beispiel möchte ich einen Direktor erwähnen, der aus der Nachbarschaft zuzog, um ein großes Haus zu leiten. Anfänglich war er begrenzt beliebt, aber er schien sich zu beruhigen.

Ja, er entwickelte sogar etwas Charme und die Antipathie begann sich in Gleichgültigkeit, das erste Anzeichen von Sympathie, zu wandeln.

Dies ging so weit, dass ich mich als ambitionierter Gesellschaftsjournalist veranlasst sah, diese Metamorphose zu thematisieren. In bewegenden Worten berichtete ich von seinem Werdegang, ließ berufliche Höhepunkte aufblitzen und schloss mit der Vermutung, der Herr Direktor wäre eigentlich ein angenehmer, möglicherweise sogar netter Mensch.

Später stellte sich heraus, dass es keine Vermutung, sondern eine Injurie war, was dazu führte, dass sich der Betroffene betroffen zeigte.

Im privatem Umfeld, erinnerte sich der Direktor plötzlich an das Geschriebene, wandte sich an mich und nannte es eine "unsägliche Geschichte".

In jungen Jahren, wo Sturm und Drang das Denken beherrschten, hätte ich ihn wohl das geheißen, was er ist, so aber lächelte ich, dachte mir meinen Teil und schwieg.

Jawohl, man könnte es auch altersmilde nennen.

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