über aufgewärmte Geschichten
02/18/2017

Aufg’wärmte G’schichten

Der Mensch erzählt mit Begeisterung die immer gleichen Geschichten.

von Simone Hoepke

Der Mensch erzählt mit Begeisterung die immer gleichen Geschichten.

Mag. Simone Hoepke | über aufgewärmte Geschichten

Neulich, vor 35 Jahren, an einem verschneiten Wintertag, bin ich mit meiner Cousine Elisabeth ausgerissen. Mitgenommen haben wir nur zwei Plastiksackerl (die waren damals noch nicht so pfui wie heute!) und zwei Zierkissen aus unserem Wohnzimmer. Wir hatten es eilig. Zeit zum Packen ist nicht geblieben. Es war unser erster gemeinsamer Protestmarsch. Der Grund: Ihre Eltern wollten mit ihr nach Hause fahren. Wir wollten uns aber noch nicht voneinander trennen. Die Lösung aus kindlicher Sicht: Auf ein Plastiksackerl setzen, den Berg runter und damit aus der elterlichen Obhut rutschen. Direkt auf die stark befahrene Hauptstraße zu.

Diese Geschichte hör ich jedes Mal, wenn ich Elisabeths Mutter über den Weg laufe. "Weißt du noch, ihr seid vielleicht fünf gewesen ..." beginnt sie. Und alle in der Runde tun so, als ob sie keine Ahnung hätten, welche Nummer sie gleich abspulen wird. Gerade so, als wäre damals irgendwas passiert. Oder in den vergangenen Jahrzehnten nichts Dramatischeres mehr geschehen, weshalb sie diesen alten Schinken aufwärmen muss wie ein Gulasch.

Ich bin jetzt drauf gekommen, dass das normal ist. Also eigentlich bin nicht ich drauf gekommen, sondern Psychologen der Harvard Universität.

Der Mensch erzählt mit Begeisterung die immer gleichen Geschichten. Gern über Jahrzehnte hinweg. Das fällt auf, wenn in den Anekdoten Wörter wie Schilling, Wechselstube oder Haferschleim (heißt heute Porridge) vorkommen. Den Zuhörern macht das nichts aus. Im Gegenteil. Sie hören gern altes Zeugs, so das Studienergebnis.

Sogar lieber als etwas Neues. Weil es weniger anstrengend ist, einer hundert Mal durchgekauten Geschichte zu folgen als einer brandaktuellen, sagen die Forscher. Bei Letzterer muss man schließlich aufpassen, dass man nichts Wichtiges verpasst, wenn man kurz überlegt, was man morgen kochen könnte.

Die Studie dürfte sich auch unter Fernsehmachern herumgesprochen haben. Ich wüsste nicht, aus welchem Grund sonst ständig die alten Folgen von Der Bulle von Tölz laufen.

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