Meinung | Kolumnen | fabelhafte WELT
18.03.2018

Belauscht

Wer keine Kopfhörer aufhat, muss am Nebentisch lauschen.

Die Pensionisten des Grätzls, mein Hund und ich finden uns dort um 11 Uhr ein.

Vea Kaiser | über ihr entzückendes Mittagslokal

Bei mir im Grätzl gibt’s ein entzückendes Mittagslokal, das nur von 11 bis 15 Uhr geöffnet hat und köstliche Schöpfgerichte zu moderaten Preisen anbietet. Dieses Lokal ist ab 12 rammelvoll, weswegen die Pensionisten des Grätzls, mein Hund und ich uns gegen 11 dort einfinden, denn die Pensionisten, der Hund und ich schätzen eine gewisse Ruhe beim Mittagessen, zudem stehen die Pensionisten und ich ja schon um 5:30 auf und haben ab zehn Hunger. Der Hund schläft länger, hat aber sowieso immer Hunger.
Neulich schaffte ich es erst um 12:30 in das kleine Lokal. Ich musste mir einen Zweiertisch mit einem dieser seltsamen Start-up-Menschen teilen, die vor Kurzem in das Bürogebäude nebenan gezogen waren, und die, was den Pensionisten und mir überhaupt nicht gefällt, immer mit Kopfhörern zum Mittagessen kommen. Mir blieb nichts anderes über, als den Nebentisch zu belauschen. Eine Frau und ein Mann in den Dreißigern, Arbeitskollegen, unterhielten sich über ihr Essen, ehe sie begannen, den Andrang zu bekritteln. „Das ist viel zu klein hier“, sagte er. „Ja, so voll“, sagte sie und fügte hinzu: „Man kriegt nie einen Sitzplatz.“ Ich musste mich zusammenreißen, nicht in meine Linsen zu prusten: zu zweit saßen die beiden trotz größtem Gedränge auf einem Vierertisch – einander diagonal gegenüber, damit sie ihre Handtasche und er seine Jacke auf Sessel platzieren konnten. Die waren zu zweit, blieben zu zweit, echauffierten sich über den Platzmangel und blockierten dabei vier Sitzplätze. Wie meine Spezial-Freunde: Menschen, die in der Straßenbahn mit dem Kebab stehen und sich am Telefon beklagen, dass die Straßenbahn 1. so stinkt und 2. so laut ist. Ich wünschte ja, das wäre ein Einzelfall, doch wie wir Pensionisten immer sagen: Auf die Jugend heutzutag ist gar kein Verlass! Zu unserer Zeit hätt’s das net geben …

vea.kaiser@kurier.at