Endlich daheim

Das dramatische Ende einer Weltreise.

So schön unsere Weltreise war, kurz vor Weihnachten wollten wir nur noch nachhause. Als der Dottore Amore und ich jedoch am Tag vor dem Rückflug aus Buenos Aires zum letzten Frühstück schritten, war das Hotel stockdunkel. Wir dachten, wegen der Sonne wären die Jalousien hinuntergelassen, doch das Hotel war verbarrikadiert. Gegen eine geplante Pensionsreform befand sich Argentinien im Streik. Eine Viertelmillion Menschen waren auf der Straße. Demonstranten zündeten Mülltonnen an und warfen Molotow-Cocktails, die Polizei wiederum reagierte mit Tränengas und Gummigeschossen, denen der Dottore und ich knapp entgingen. Ich begann  zu weinen und behauptete, das sei wegen des Tränengases, in Wahrheit  hatte ich Angst, nicht rechtzeitig zu Weihnachten heimzukommen. Der Streik dauerte bis eine Stunde vor unserem geplanten Abflug. Kurz dachte ich, wir könnten es schaffen, doch am Flughafen tummelten sich zu viele  aufgebrachte Passagiere. Ich setzte mich auf den Boden und begann wieder zu weinen. Der Dottore Amore packte mich an der Hand und sagte: „Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe – und der schwierigen Reisen!“ Maria und Josef bekamen kein Hotelzimmer, die Heiligen Drei Könige irrten tagelang einem Stern hinterher, und das beliebte Weihnachtslied Driving Home for Christmas dreht sich ums Stehen im Stau. „Du wirst dich doch davon nicht entmutigen lassen?“, setzte er hinzu, aktivierte sein süditalienisches Gen für Chaos, navigierte uns durch das Menschenmeer – und  irgendwann landeten wir in Wien. Übermüdet, stinkend wie Ochs und Esel, und sehr sehr glücklich. Hier meine Vorsätze für 2018: nicht verzweifeln, wenn es eng wird, gelassen bleiben, wenn rundherum alles brodelt, und es manchmal wie die drei Könige machen: einem Stern nachlaufen, auch wenn man keine Ahnung hat, wie sich das ausgehen soll. Frohes neues Jahr!

vea.kaiser@kurier.at

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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