Diebstahl mit Sinn?

Bestohlen zu werden, gehört zum Erlebnis Weltreise irgendwie auch dazu.

Die Weihnachtszeit ist die Zeit des Gebens. Das richtige Geschenk für einen lieben Menschen zu finden, ist so ähnlich, wie ein Buch zu schreiben. Manchmal küsst einen die Muse, manchmal müht und rackert man sich ab wie ein alter Ackergaul, der davon träumt, von den Qualen erlöst und zu Leberkäse weiterverarbeitet zu werden.
So betrachtet, könnten der Dottore Amore und ich es eigentlich als positiv erachten, dass wir ohne jegliche Mühen zwei Menschen eine gewaltige Freude gemacht haben. Und zwar demjenigen Taschendieb, der bei einem Spaziergang durch Buenos Aires meines Liebsten Armbanduhr klaute und demjenigen Trickbetrüger, der meine Kreditkartendaten kopiert hat. Wir haben beschlossen, nicht traurig zu sein. Bestohlen zu werden, gehört zum Erlebnis Weltreise irgendwie auch dazu. Hauptsache man selbst bleibt unverletzt. Der Dottore Amore nimmt diesen Verlust ohnehin sportlich und zollt dem Geschick des Taschendiebs Respekt. Selbiger klopfte ihm von hinten auf die Schulter, der Dottore dachte, hinter ihm stünde ein Dottore-Kollege aus dem Krankenhaus. Als sich der Dottore umdrehte, saß der Schuft bereits auf einem Moped und brauste mitsamt der Uhr davon. Mir entstand überhaupt gar kein Verlust, da die Kreditkartenfirma netterweise die nicht von mir getätigte Ausgabe refundiert. Nur kann ich nicht aufhören, über diese Episode nachzudenken. Wer war der Schlingel, der meine Daten an sich nahm? Und vor allem: Was kaufte er oder sie um 90 Dollar in einer Drogerie-Apotheke in South Dakota? Ich fürchte, hinter diesem Diebstahl steckt eine abenteuerliche Geschichte und es macht mich wahnsinnig, raubt mir den Schlaf, treibt mich zur Verzweiflung, dass ich selbige niemals erfahren werde. Denn das ist ja der eigentliche Sinn des Schenkens: zu sehen, wie sich der Beschenkte an seinem Geschenk erfreut und was er damit macht.

vea.kaiser@kurier.at

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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