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18.11.2017

Die Angst der Schriftsteller

Das schlimmste Schreckensszenario: ein Glas Wasser über die Tastatur zu schütten und das Manuskript zu verlieren.

Das Schreckensszenario, ein fast fertiges Manuskript zu verlieren.

Vea Kaiser | über die Angst der Autoren

So verschieden Schriftsteller sind, sie fürchten sich alle vor denselben Dingen. Vor hässlichen Buchumschlägen beispielsweise, aufgrund derer das Buch in die hintersten Winkel der Buchhandlung verbannt wird. Dass ein anderer Autor zur selben Zeit dieselbe Idee haben könnte – oder noch schlimmer: einen Monat früher! Die größte Angst, die uns alle peinigt und nachts aus dem Schlaf schrecken lässt, ist jedoch das Schreckensszenario, ein fast fertiges Manuskript zu verlieren. Manch Autor soll versucht haben sich umzubringen, nachdem das Hausmädchen den seltsam bekritzelten Stapel Papier als Altpapier entsorgte, oder ein dreister Dieb die Tasche mit dem Allerheiligsten vom Kaffeehaustisch entwendete. Im Zeitalter der digitalen Manuskripte sind selbige natürlich besser geschützt. Man kann sie auf externen Festplatten speichern, einer Vertrauensperson schicken oder in die Cloud hochladen. Man kann. Man kann sich aber auch so richtig deppert benehmen, und in einem Anfall von grenzenloser Naivität über Wochen hinweg darauf vergessen, das Werk in Sicherheit zu bringen, und erst daran denken, nachdem man ein Glas Wasser auf die Tastatur geschüttet hat. So wie ich vor ein paar Stunden. Jetzt liegt mein Laptop ausgeschaltet und verkehrt herum auf einem Berg Handtüchern, während ich zu den Göttern bete, dass nicht alles verloren ist. Natürlich könnte man alles nochmals schreiben. Man könnte auch tagein tagaus wie Sisyphos einen Stein auf einen Berg rollen, auf dass dieser, sobald er dem Gipfel nahe ist, wieder hinabrollt. Allerdings rollt Sisyphos seinen Stein nicht, weil Steinerollen so lustig ist, sondern als Strafe für die höchste Frevelei. Wobei: Wer das Geschenk der Musen, die göttliche Gabe der Inspiration, nicht ausreichend schätzt wie schützt, der hat wahrscheinlich genau so eine Strafe verdient.vea.kaiser@kurier.at