Wo bleibt die Gleichberech­ti­gung?

Liebestango in Buenos Aires.

Vor vielen vielen Jahren, als mein Herzkönig noch ein Herzbub war und mit dem Rucksack durch Südamerika reiste, verliebte er sich in die argentinische Hauptstadt und beschloss, hier eines Tages mehr Zeit zu verbringen. Und deshalb sind wir ab jetzt (temporäre) Einwohner von Buenos Aires. Mein Liebster absolviert ein Arztaustauschprogramm im Krankenhaus und ich spiele währenddessen Arztgattin. Ich kümmere mich um den Haushalt, mache Yoga, schreibe am neuen Roman und vertreibe mir die Zeit mit Spazieren, Lesen – oder in kubanischen Schönheitssalons. Wenn er besonders lange OP-Tage hat, weil sich eine Prostata gegen ihre Entfernung wehrt oder eine Niere wagemutige Ideen hat, dann koche ich ihm, der Integration wegen, Empanadas oder Steak. In meinem Bekanntenkreis ernte ich dafür sehr kritische Reaktionen. „Du bist doch eine kluge Frau!“, höre ich oft, gepaart mit Empörung, dass ich es wage, wegen eines Mannes ins Ausland zu gehen, und dort „Hausweibchen“ zu sein. „Das ist nicht emanzipiert!“, lautete das gestrenge Urteil. Eine moderne Frau darf bloß nicht den Anschein erwecken, etwas für einen Mann zu tun. Dabei begleitete mich dieser Mann in den letzten Monaten zu Lesereisen auf drei Kontinenten. Trug meinen Koffer, hielt sich still im Hintergrund, während ich unzählige Abende mein Buch präsentierte, wartete ohne sich zu beschweren, bis ich alle Interviews absolviert und Bücher signiert hatte, sorgte dafür, dass ich genug Wasser zu trinken hatte, und als wir länger in New York waren, kümmerte er sich um den gesamten Haushalt, damit ich mich auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Als Frau heutzutage, die Karriere, Familie, Fitness, Fortbildung und und und und unter einen Hut bringen muss, hat man es nicht leicht. Als Mann an der Seite einer solchen Frau allerdings auch nicht. Das nennt man dann wohl Gleichberechtigung.

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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