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21.10.2017

Punk is dead

Eine überraschende Begegnung, die mich schockiert hat.

Leider bin ich zu sehr Beamten-Tochter, um jemals selbst Punk zu sein.

Vea Kaiser | über Punks

Auf dem Flug von Panama nach México City lernte ich neulich einen echten Punk-Musiker kennen. Man stelle sich vor: Dieser junge Mann lebt davon, in verschiedenen Städten rund um den Erdball grobe, unflätige Botschaften in Mikrofone zu grölen, während seine Freunde ihre Instrumente wie gequälte Tiere klingen lassen, ehe sie alle zusammen als krönendes Finale irgendetwas kaputt machen. Ich muss gestehen: Ich hege große Sympathien für Punk. Leider bin ich zu sehr Beamtentochter, um jemals selbst Punk zu sein, doch seit Jahren spendiere ich allen Punks, die mich auf der Straße als blöde Establishment-Kuh beschimpfen, von Herzen gern ein Dosenbier. Irgendjemand muss die Anarchie hochhalten! Punks trauen sich all die Dinge, die ich mich gerne trauen würde, aber dann doch zu brav bin, um mich tatsächlich zu trauen. Punks widersetzen sich allen Regeln, mit denen uns die Gesellschaft zu knechten versucht. Punks verweigern sich dem System. Punks streben nach der ultimativen Freiheit. Zumindest tun sie das in meiner Fantasie. Die Realität, so erzählte mir zumindest der Punk-Rocker im Flugzeug nach Mexiko, sieht anders aus. Vor allem in Europa.
„Ich war heuer 57 Tage auf Tour in Europa!“, berichtete er. „Und das nicht zum ersten Mal. Doch jedes Mal wird es schlimmer.“ Ich wurde ganz neugierig, und malte mir krude Szenarien aus, welche Exzesse er
mit „schlimmer“ meinte. „Egal wo wir spielten, niemand nimmt Drogen!“, sagte er zu meinem Entsetzen. „Die trinken nicht einmal Alkohol!“, ich wurde ganz bleich: „Und das Essen auf den Punk-Festivals ist meistens vegan.“ Ich muss gestehen: Ich bin schockiert.
Vor dreißig Jahren biss Ozzy Osbourne einer Fledermaus den Kopf ab. Heute zerbrechen sich die angeblichen Outlaws unserer Gesellschaft den Kopf über Chia-Samen und Quinoa. Seither bin ich sehr traurig. Punk is dead.

vea.kaiser@kurier.at