New Yorker Erkenntnisse

Acht Wochen im Big Apple und die Folgen.

Wenn wir Menschen Töpfe sind, die ihren Deckel suchen, dann verfügen wir – wie das halt so ist bei Gefäßen – nur über ein begrenztes Fassungsvermögen. Meine Aufnahmekapazität ist nach acht Wochen in New York jedenfalls erschöpft. Ich mag nimmer. Wie soll man in einer Stadt, die niemals schläft, ausreichend schlafen? Die CIA kam fix am Times Square auf die Idee, Schlafentzug und blinkende Lichter als Foltermethode einzusetzen. Dass meine Dusche seit Tagen von der Wasserversorgung abgeschnitten ist, macht das Leben auch nicht leichter. Eine Freundin meinte, ich solle froh sein, dass es nur die Dusche sei. Bei ihr sei fünf Tage lang kein Wasser in die Toilette geflossen, beginnend in jener Nacht, in der ihr neuer Freund zum ersten Mal bei ihr übernachtet habe. „But hey“, sagte sie, genau das mache New York aus, „it’s the daily struggle!“ – der tägliche Kampf um Wasser, Nahrung, ein Dach über dem Kopf und die eigene Gesundheit. Mögen die New Yorker kämpfen, ich habe mein Handtuch geworfen, als mir Big Apple zur Draufgabe einen fiesen Ausschlag bescherte und ich Bekanntschaft mit dem amerikanischen Gesundheitssystem machte.
140 $ kostete mich der zehnminütige Besuch beim Arzt, 110 $ das Medikament, und trotzdem schauen Teile meines Körpers aus, als ob sie schimmelten. Oder sie schimmeln wirklich, denn in New York ist ja alles möglich. Eines hätte ich in dieser Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten allerdings nicht für möglich gehalten. Und zwar, dass sie mich lehrte, unser kleines schnitzelförmiges Alpenland trotz seiner begrenzten Möglichkeiten heiß zu lieben. Man kann zwar nicht um vier Uhr früh Drogerieartikel shoppen, aber das Leitungswasser ist sauber und für ein Medikament bezahlt man maximal 5,85 €. Und das lernt man erst dann richtig zu schätzen, wenn man mal erlebt, wie es ist, wenn es nicht so ist.

vea.kaiser@kurier.at

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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