Meinung | Kolumnen | fabelhafte WELT
02.09.2017

Lange Schlange

Über die Seltsamkeiten der New Yorker oder wie man sich täuschen kann.

Ich habe also aufgehört zu kochen, esse nur noch Salat mit Vitaminpillen.

Vea Kaiser | über den Versuch eine brave Ausländerin zu sein.

Da wir länger in New York sind, versuche ich, brave Ausländerin, die ich bin, mich so gut wie möglich zu integrieren. Ich habe also aufgehört zu kochen, esse nur noch Salat mit Vitaminpillen, trinke geeisten Kaffee mit fettfreier kalorienfreier kuhfreier Milch, trage tagsüber nur noch Sportkleidung, und auch wenn ich mich dabei nackt fühle, tue ich es der Integration zuliebe den New Yorkerinnen gleich und laufe ab 28 Grad im Sport-BH herum, um bloß nicht wie eine prüde rückständige Europäerin zu wirken. Meine Religion, den einzig wahren Glauben an Rapid Wien abzulegen, schaffe ich nicht, dafür huldige ich im Stillen und verzichte darauf, Ungläubige zu bekehren. Mein Dottore Amore schüttelt darüber den Kopf – er ist völlig integrationsresistent. Italiener sind aber auch das einzige Volk der Welt, von dem niemand will, dass sie sich integrieren. Italiener sollen überall so bleiben, wie sie sind, um mit ihrer köstlichen Küche und ihrer Stress-Resistenz unser aller Vita ein bisschen mehr dolce zu machen. Dennoch überredete ich ihn neulich, etwas typisch New Yorkerisches zu unternehmen und sich mit mir in einer zweihundert Meter langen Schlange vor einem Dessert-Geschäft anzustellen. Während der Dottore Amore grantig grummelte, waren die New Yorker und ich total aufgeregt, welche Köstlichkeit uns wohl erwartete. Nach 45 Minuten durften wir endlich einen Fuzi-Wuzi-Laden betreten, mir lief das Wasser im Mund zusammen, bis ich sah, was es gab: KUCHEN-TEIG! Zwanzig verschiedene Sorten pickiger, zuckriger, roher Teig für 10 Euro pro Becher. Der Dottore Amore warf seinen nach zwei Löffeln weg, ich jedoch, gut integriert, würgte eine ganze Portion hinunter. Was mir mein Magen und meine Zähne noch immer vorwerfen. Seither weiß ich: Die Pflicht zur Integration hört dort auf, wo das Recht auf ein Leben ohne Zuckerschock beginnt.

vea.kaiser@kurier.at