Meinung | Kolumnen | fabelhafte WELT
27.05.2017

Wie schön ist doch das Verreisen

Unterwegs ist es spannender als zuhause. Das wusste ich schon als Kind.

Zu wundervoll, um zuhause zu bleiben

Vea Kaiser | Das Abenteuer beginnt in Griechenland

Als Kind gab es für mich nichts Schöneres als zu verreisen. Meist tuckerten wir in Papas Tipo gequetscht nach Italien oder zum Segeln an irgendeinen See. Dass man in einem alten Tipo gefühlt so lange nach Italien fuhr, wie der Urlaub dauerte, oder auf den Seen verlässlich Flaute herrschte, war mir wurscht. Ich freute mich ja bereits, wenn wir über Nacht zur Tante Wilma nach Wien-Liesing fuhren, denn alles war besser, als zuhause bleiben. Dann kam dieser blöde Ernst des Lebens und nachdem ich in den letzten Jahren an fast 300 Orten meine Bücher vorstellte, gibt es mittlerweile keinen größeren Luxus, als zuhause zu bleiben. Nun folge ich allerdings meinem Herzen, sprich: dem Dottore Amore auf Weltreise. Ich war zunächst ein wenig neidisch auf meine Topfpflanzen, die in Wien-Liesing bei Tante Wilma in Pflege bleiben dürfen, doch nun begann das Abenteuer dort, wo alle guten Dinge begannen, und zwar in Griechenland.
In Athen nahm ich an einer Schriftstellerdiskussion über Europäische Literatur teil. Das war lustiger, als es sich anhört, da wir bei der weltbewegenden Frage landeten, ob Harry Potter Literatur ist; was ich leidenschaftliche bejahte und der griechische Kollege leidenschaftlich verneinte, woraufhin wir uns leidenschaftlich anschrien. Tags darauf war Zeit, dem Dionysos-Theater einen Besuch abzustatten. Jenem Ort, an dem vor zwei und keinem ganzen Jahrtausend das Theater erfunden wurde. Fast zwei Stunden lang saß ich zwischen den Überbleibseln und wurde so von Ehrfurcht durchfahren, dass ich zu der Einsicht kam, allein wegen dieses Haufens Steinen haben die Griechen alle Rettungspakete dieser Welt verdient. Und plötzlich dämmerte mir etwas, das ich als Kind wohl geahnt, doch im Laufe der Jahre frevelhafterweise vergessen zu haben schien: Diese Welt ist viel zu wundervoll, um zuhause zu bleiben.

vea.kaiser@kurier.at