Meinung | Kolumnen | fabelhafte WELT
25.03.2017

Popofaltenwaxing

Die Ausweglosigkeit in der Arbeitswelt und ungelöste Fragen der Zumutbarkeit.

Ins Freie schauen zu können, bedeutet allerdings, dass das Freie auch zurückschauen kann.

Vea Kaiser | über das Nagelstudio ihres Vertrauens

Mein Roman ist in Gefahr, denn das Nagelstudio unseres Vertrauens will zusperren. (Das Nagelstudio ist wichtig fürs Schreiben! Immerhin sagen meine Handwerkeropas, dass Arbeitswerkzeuge immer gut gereinigt und gepflegt, bei gröberen Abnutzungen abgeschliffen und lackiert werden müssen). In unserem Nagelstudio werden auch Enthaarungen vorgenommen, was, so urteilte das Arbeitsinspektorat, nicht rechtens wäre, weil die Kabinen keine Sichtmöglichkeit ins Freie böten. Nun bedeutet allerdings ins Freie schauen zu können, dass das Freie auch zurückschauen kann. An einem Schultergürtel- oder Popofaltenwaxing will wahrscheinlich kein Mann oder Frau das Freie teilhaben lassen, was man wiederum mit der vom Arbeitsinspektorat geforderten Sichtmöglichkeit ins Freie nur schwer in Einklang bringen kann. Wäre diese Auseinandersetzung zwischen meinem Nagelstudio und dem Arbeitsinspektorat ein philosophischer Dialog, dann müsste man an dieser Stelle feststellen: Hier liegt eine Aporie vor, eine Ausweglosigkeit durch Unvereinbarkeit der Positionen. Die Arbeitswelt ist voller Aporien. Eigentlich ist es Lehrern nicht zuzumuten, dass Schüler pubertieren, Ärzten, dass während eines Nachtdienstes Patienten erkranken, und überhaupt ist es keine artgerechte Menschen-Haltung, selbige Spezies vor dem Computer und oder am Schreibtisch anzuketten, während draußen die Sonne scheint. Nur kann man allerdings Schülern nicht vorschreiben zu pubertieren, Krankheiten, zwischen 22 und 17 Uhr auszubrechen, geschweige denn Arbeitszeiten wetterabhängig machen. Doch freuen wir uns daran, dass es diese Aporien überhaupt gibt, denn eines Tages werden all diese Tätigkeiten sowieso von Robotern verrichtet werden, die keine Sichtmöglichkeit ins Freie brauchen. Ob uns das dann glücklicher macht, ist eine weitere Frage mit Potenzial zur Aporie.

vea.kaiser@kurier.at