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26.01.2013

Rütteln am Watschenbaum

Zu so einem Damals-war-alles-besser-Junkie verkommen.

Polly Adler | über frühere umstürzlerische Umtriebigkeit

Jedes Mal, wenn mir das Wort „früher“ über die Zunge schießt, möchte ich mir ein Kopfstück erteilen. Und ich rüttle neuerdings ständig am Watschenbaum. Dieses Früher-Geseufze der älteren Mitbürger hat einem doch bis zu seinem 32. Lebensjahr seelischen Juckreiz verursacht. Und jetzt ist man selbst zu so einem Damals-war-alles-besser-Junkie verkommen.

„Früher haben wir auch nicht ständig auf Buschtrommeln geklopft, um ein ,Gefällt mir’-Zeichen abzusondern. Oder: „Früher sind wir einen ganzen Monat mit dem Zug durch Europa gegondelt, um auf dem kalten Stein abgefuckter Wartesäle zu schlafen und aus Plastikbechern Reflux-fördernden Fusel zu trinken.“ Und: „Früher haben wir Pulswärmer in frechen Farben für politische Gefangene in Chile gestrickt und danach Herbst- und Modergeruch-lastige-Prosa bei Kerzenschein gezimmert.“ Der Fortpflanz ist alles andere als beeindruckt von meiner umstürzlerischen Umtriebigkeit in der Steinzeit und gähnt wie ein erschöpfungsdepressives Amazonas-Krokodil in der Mittagsglut. Dann grunzt das Kind: „V.Z.“ (das Kürzel für „voll zach“). Es möchte sich nämlich nicht mit unnötiger Silbenverschwendung aufhalten.

Was das Kind mit der so gewonnen Zeit anstellt, konnte ich nicht wirklich herausfinden. Aber man kann schon jetzt davon ausgehen, dass die Vorantreibung des Weltfriedens und der Kampf gegen die Ausrottung des Blauflossen-Thunfischs auf der Fortpflanzschen Zeitmanagement-Erledigungsliste eher im hinteren Drittel anzutreffen sind. Weit abgeschlagen von den Posten „Robenjagd bei Textil-Billigketten“ und dem Feiern des Monatsjubiläums vom erstmaligen Beschnäbelungsprozess mit dem „Herzibärlibub“. Ganz unter uns: Wenn das unter Jugend fällt, dann muss man früher, aber auch später froh sein, dass man diese Phase seines Lebens abhaken kann.

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