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02.03.2013

Keinerlei Kastrationskomplexe

Doch selbst im TV-Dänemark bläst dann irgendwann der harsche Wind der Realität.

Polly Adler | über "Borgen"

Oh, denkt man sich, Dänin müsste man sein. Dort geht die Post ab, rein gesellschaftspolitisch. Zumindest in der Fernsehserie „Borgen“, für die ich mein soziales Leben zurzeit auf Pausetaste gestellt habe. Die Heldin ist die erste Premierministerin des Landes. Trotz ihrer Position sieht sie nicht wie Angela Merkel, sondern richtig fantastisch aus, die Hochsteckfrisur sitzt. Ihr Mann massiert ihr abends die Füße, wenn sie müde von den machiavellischen Ränkespielen auf Christiansborg in ihr Ikea-Sofa geplumpst ist. Noch mehr als die Ellbogen-Souveränität der Hauptdarstellerin imponiert einem der Gatte, der von keinerlei Kastrationskomplexen geplagt wird, wenn er den zwei Kindern abends Fischstäbchen in die Pfanne wirft oder ihnen die vergessenen Eislaufschuhe in die Schule nachchauffiert. Doch selbst im TV-Dänemark bläst dann irgendwann der harsche Wind der Realität. Der Sohn wird zum Bettnässer, weil die machtgierige Mama nie da ist. Und in der zweiten Staffel mutiert die Teenager-Tochter zum von Panikattacken und Depressionen torpedierten Psychowrack. Der Prinzgemahl massiert zu diesem Zeitpunkt längst andere Füße – nämlich die einer patenten Kinderärztin mit Schmollmund, die nicht durch überdimensionale Selbstverwirklichungsflausen irritiert, sondern sich lieber vollzeitlich auf ihre Fürsorgeinstinkte konzentriert. Und zunehmend sehen wir eine Brigitte Nyborg, so heißt die Premier-Diva, die den Preis für ihre Macht mit einsamen Abenden bei tüchtig Rotwein zu zahlen hat. Also auch im Staate Dänemark ist einiges faul und eigentlich alles wie gehabt. Die internationale Arbeitsorganisation in Genf prognostiziert dennoch, dass die totale Gleichberechtigung einmal eintreffen wird. Man bräuchte nur noch ein wenig Geduld. Genauer gesagt 959 Jahre Geduld. Haben wir noch so viel Zeit?

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