chaos DE LUXE: Sackhüpfen im Befindlichkeit­s­par­cours

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"Denn der Drang, aus jeder Tragödie ein Witzchen abzuzapfen, kommt einen in der Regel teuer zu stehen."

Uff - been there, done that, got the t-shirt. Erschöpft hängt man unter dem Weihnachtsbaum. Das Sackhüpfen im Befindlichkeitsparcours der lieben Mitmenschen war anstrengend. Ich tastete die Beule, die ich im "friendly fire", wie der Kriegsterminus für Schusssalven auf die eigenen Leute lautet, eines Langzeitpärchens abgarniert hatte. Als er sie anbrüllte, dass ihre IQ-Ausstattung nicht einmal dazu ausreicht, um eine Gans rechtzeitig vor der totalen Austrocknung zu bewahren, flogen die noch rohen Bratäpfel - unter anderem auf mein Hirn. Nicht allzu versehentlich. Wahrscheinlich hätte ich mir den Satz "Was wird das jetzt hier? Wer hat Angst vor Virginia Woolf? für Doppelhaushälftenbesitzer?" einfach schenken und ins Pointen-Depot rollen sollen. Denn der Drang, aus jeder Tragödie ein Witzchen abzuzapfen, kommt einen in der Regel teuer zu stehen. "Ich habe bei Ihnen einen dringenden Alkoholverdacht", erklärte einmal ein Polizist meinem Freund D. Der replizierte knapp: "Und ich, ich hab' die Gewissheit." Die Taxi-Innung profitierte sattsam von der Frechheit. Ich werde 2011 generell auf die Beleidigungsbremse steigen. Die Nummer mit der brutalen Ehrlichkeit, die ich kurz angedacht hatte, bringt's doch nicht so wirklich. "Du siehst aus wie eine sadomasochistische Knackwurst", hatte ich meine kurvenreiche Freundin zärtlich gewarnt, als sie sich in ein Hervé-Leger-Kleid zwängen wollte. Weil ich nicht wollte, dass sie in diesem Outfit ins Fadenkreuz der Häme gerät. "Schlammschleuder", hatte sie tödlich beleidigt gezischelt, "nur weil du es dir nicht leisten kannst!" Um nicht in der sozialen Wüste zu enden, werde ich ab heute folgende Phrasen inflationär zum Einsatz bringen: "Ich freu' mich!" oder "Das finde ich super." Das passt nahezu immer. Außer, es murmelt einer: "Mir geht's grad nicht so gut." Aber das tut ohnehin keiner.

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(kurier / Polly Adler) Erstellt am
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