chaos DE LUXE: Facebook-Exodus

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Über digitale Entgiftungsprogramme und Essstörungen.

Donnerschlag! Das Kind hat den Facebook-Exodus angetreten. "Es verseucht mir das Hirn, Mama!" Wo steht der Vernunftstopf, in den der Fortpflanz geplumpst ist? Vielleicht sollte ich da drinnen auch ein Vollbad nehmen. Keine Sorge: Es ist nicht so, dass mein Fleisch und Blut jetzt abends nach der Fertigung von Stickdeckchen Jane-Austen-Romane konsumiert und zwischendurch zu Spendenaktionen zwecks Bekämpfung von Hungersnöten schreitet. Denn der wahre Grund des digitalen Entgiftungsprogramms ist ein banaler. Das Kind will die Poke-, Flirt- und "Is in a relationship"-Regungen ihrer Exis nicht miterleben müssen. Denn noch kann es nicht fassen, dass diese Knaben nicht nach der Trennung sofort gramgebeutelt in ein Kloster einchecken oder zumindest die Destination "Innere Emigration" buchen. Was für eine himmelschreiende Provokation aber auch, dass diese Nichtswürdigen stattdessen "mit 13-jährigen Essstörungen kindisch herumschreiben, Miss you already und der ganze Scheiß". Gegen Kleidergrößen 34 ist das Kind allergisch, genetische Vorbelastung. Wir beide leiden nämlich nur insofern an einer Essstörung, als dass wir beim Essen nicht gestört werden wollen. Die Second Life-Flucht hat aber auch Schattenseiten. Das Kind entdeckt wieder den Zauber der direkten Kommunikation. Und zwar vor allem in unserer Hütte. Hohes Aufkommen von mürrischen Haubenträgern, denen die Jeans gerade nicht von den Hüften rutschen, allesamt Mitglieder der Facebook-Gruppe "Meine Nachbarn hören gute Musik - ob sie wollen oder nicht". Demnächst werden wir eine Medaille wegen unermüdlicher Förderung des Pizza-Services einheimsen. "Gibt es etwas Schöneres für einen älteren Menschen, als so nah am Puls der Jugend zu sein?", brüllt der Fortpflanz, als ich um Contenance winsle. Mir fiele einiges ein, doch es hört mir überraschenderweise niemand zu.

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(kurier / Polly Adler) Erstellt am
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