Meinung | Kolumnen | Chaosdeluxe
05.12.2011

chaos DE LUXE: Damenbart-Hysterien ...

... und schmerzliche Erkenntnisse.

M und ich stöckelten durch die Kahlo-Ausstellung. Bis vor Kurzem nervte diese "Eine-Frau-ging-trotz-Damenbärtchen-ihren Weg"-Hysterie, mit der Frida zur Ikone selbstfindungswütiger Zahnarzt-Gattinnen mit Hang zum Ausdruckstöpfern stilisiert wurde. Aber die Ausstellung ist eine Pracht. Und anrührend obendrein. Denn jetzt einmal abgesehen von all den unfallbedingten Torturen, hatte Frida unser ein so blechernes Händchen für die Liebe. Die große Liebe ihres Lebens war ein mittelalterlicher Fettsack mit Basedowaugen, der eigentlich jeden Tag Mexikos Schollen auf Knien hätte herzen müssen, dass ihm die Schicksalslotterie diese junge, strahlend schöne, talentierte Frau ins Leben gespült hat. Und was tut dieser Diego Rivera? Er betrügt seine über 20 Jahre jüngere Gattin mit allem, was bei eins, zwei nicht auf die Bäume flüchten konnte. Sogar mit deren Lieblingsschwester. Dennoch klebte sie bis zum Schluss an jenem Mann, der ihre Seele wie einen Fußabstreifer behandelt hatte, und heiratete ihn noch ein zweites Mal. "Kann man das nachvollziehen?" , schüttelte M den Kopf angesichts des Fotos des liebesloyalen Fotografen Nickolas Muray, den die Kahlo mehrfach abgewiesen hatte. "Schrecklicherweise ja", seufzte ich, "wahrscheinlich war Nick einfach viel zu nett zu ihr." "Es ist so idiotisch", antwortete M, "am Ende des Tages hängt man am meisten an den Männern, die einem die größten Schmerzen zugefügt haben." Im "Finsteren Stern", den wir uns nach so viel Erkenntnis-Tristesse verdient hatten, beschlossen wir ein saugrobes Mail an das Schöpfungs-Betriebsbüro zu verfassen. Der Wortlaut: "Werteste Allmächtige! Es langt. Mit der Bitte um rascheste Entfernung dieses masochistischen Idioten-Gens in der zweiten Lebenshälfte verbleiben wir mit zornigen Grüßen."

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