Wachsende Gewaltbereit­schaft

Suppenbestellen – eine Erregung

Hören Sie, Finger weg, das ist mein Essen!“ – Speisenausgabe im „Mochi“-Takeaway. Selbst hier in Bobohausen spürbar wachsende Gewaltbereitschaft unter der Klientel. Ich bemühe mich um die Tonlage, die in US-Krimis spezialgeschulte Geiselverhandler des FBI anwenden, um der Frau zu erläutern, dass diese Suppe für mich gedacht ist. Doch wir befinden uns auf irrationalem Terrain, wie man an ihrer rhythmisch zitternden Oberlippe sieht. „Hey, du Opfer, check dir einen Baldrian-Mojito“, würde mein leider in Südamerika weilender Fortpflanz anmerken, aber ich bin ja schon groß und dementsprechend vernunftversaut. Ich sage also: „Madame, agassieren Sie sich bitte nicht in den Orbit, diese unbegleitete Suppe will so sehr zu Ihnen.“ Meine von früher Lotte-Tobisch-Vilma-Degischer-Darstellungskunst inspirierte Replik bringt die Aggressions-Zündschnur der Dame erst recht zum Glosen. Tssssss!  Nicht nur Holzfällen, sondern auch Suppenbestellen – eine Erregung. Generell scheint der Advent wie eine Art Startschuss  zu einem Sprint in Richtung mieser Laune, Mut zur Wut und jederzeitigem Ausrasten zu gelten. Die Welt ist generell voll von Menschen, die der tiefen Überzeugung sind, dass deren Schicksal nicht weiß, wie man Gerechtigkeit buchstabiert und sie immer zu kurz kommen. Und in dieser Phase des Jahres besonders. Weil da ja auch Emotionen getriggert werden, durch die man so verletzlich wird wie einst als Kind. „Wenn man jung ist, glaubt man noch, dass es normale Leute gibt, aber man nur das Pech hat, sie nicht zu kennen“, schreibt der Schriftsteller Arnon Grünberg. An diesem Satz halte ich mich einfach fest. Und übrigens, wie sich herausstellen sollte: Es war meine Suppe, Ungnädigste!

Buchtipp:Amourhatscher“ (bei Amalthea) – ein „Best of“ aus 20 Jahren Chaos de luxe.

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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