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03.02.2018

Sternstunden der Vernunft

Wie der Heiratsmarkt in Sri Lanka funktioniert.

Die Waage war zwei Köpfe größer als mein Augenstern. Katastrophe!

Polly Adler | über Sternstunden der Vernunft

Die bezaubernde Missis T wirbelte das obere Ende ihres erbsengrünen Saris mit Wehgeschrei durch die Luft. Der Sohn, 37 Jahre alt, und noch immer nicht verheiratet. Jeden Sonntag gibt man schon ein Inserat in der Zeitung auf und noch immer kein adäquates „marriage material“ in Sicht. Vielleicht, wende ich ein, müsste man den Text etwas pfiffiger formulieren. – „Welchen Text? Wir inserieren doch nur sein Horoskop und unsere Besitzverhältnisse.
Und dann schicken die Bewerberinnen ihres und einen Mitgift-Richtwert ein. So macht man das in Sri Lanka. Letzte Woche hatten wir eine hübsche Waage aus bestem Stall mit Aszendent Steinbock. Perfekt für meinen Kleinen. Und das war auch schon das Problem. Die Waage war zwei Köpfe größer als mein Augenstern. Katastrophe!“ Wie charmant absurd, seine Kinder im 21. Jahrhundert nach Gestirn- und Geld-Aspekten zu verschachern. Für Liebesflausen bleibt da kein Platz. Ich vertiefe mich neuerdings in die Romane der Nancy Mitford, einer britischen Sarkasmus-Queen. Bei dieser Lektüre wird einem auch jeder romantische Firlefanz ausgetrieben. Einer verarmten Aristokratin droht dort eine Ehe mit einem Bankierssohn. Bei der Verlobung flüstert sie ihrer Freundin: „Er ist so langweilig! Wäre er ein Hund, hätte ich ihn schon längst einschläfern lassen.“ Zum Glück hat sich die Gute schon früh „Weglaufgeld“ angespart. Als die Fadesse sie zu ersticken droht, gibt sie ihrer Vernunft den Todesstoß und wirft sich mit einem Pariser Filou in die Federn, der seine Lavendelmaschine auch bei anderen Damen mit der gleichen Verve anwirft. Er macht sie natürlich unglücklich, aber auf eine äußerst anregende Art. Einschläfern wollte sie ihn nicht, nur erschießen. Aber solche bittersüßen Dramen erlebt man natürlich nicht auf Basis eines Horoskopvergleichs, bezaubernde Missis T!

Tipp: Pollys „Amourhatscher“ am 4. Februar um 11 Uhr im Rabenhof-Theater. Mit Andrea Händler und Petra Morzé.

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