Stellvertreter­kriege

Eine Polsterschlacht, die befreit.

So, so, so und so!“ Unter diesen Kampfschreien landete F im Sturzflug auf meinem Polster, auf den sie dann  einzudreschen begann. „Stellvertreterkrieg?“ – „Ja, der Polster ist Evi, meine Therapeutin. Sie geht mir so auf den Rettich ...“ – „Zu widerwärtig empathisch?“ –  „Neiiiiin!“ Jetzt wirft sie sich wie ein zorniges Kind auf den Polster. Im Segment Anger-Management dürfte Evi keine ausgewiesene Koryphäe sein. „Sie erklärt mir ständig, dass ich zufrieden sein soll. Sie wäre es auch und man hält es gut aus. Kein Wunder: Sie hat einen Kerl, der zu faul zum Fremdgehen ist und einen krisenresistenten Job. Probleme sind ja eine echte Wachstumsbranche. Hätte sie nicht so  schlechte Zähne, könnte man sie glatt beneiden.“ Da schon wieder: Das Wort Neid spukt durch beinahe alle Gespräche. Erzählt man jemandem, dass man nach XY fährt, kommt wie aus der Pistole geschossen: „Der Neid könnte einen fressen.“ Oder sie pressen ein sichtlich verlogenes „Das gönn ich dir!“ hervor. Die ganze Facebook- und Instagram-Maschinerie basiert darauf, dass Menschen sich wie toll selbst inszenieren, um den anderen vorzuhüpfen, was sie denn nicht für ein durch und durch beneidenswertes Leben führen. Meine Freundin G hat dem emotionalen Treibstoff des Turbokapitalismus jetzt sogar eine ganze Theaterperformance gewidmet: „Invidia“, läuft noch bis in den April in Wien. G’s These: Ohne Neid der totale Stillstand.  Wahrscheinlich kommt es  wie bei jeder Droge auf die Dosierung an, ob sie beschwingend oder  lähmend und destruktiv wirkt. F drosch jetzt ungerührt erneut
auf  den Evi-Polster ein und brüllte dabei: „Ich will nicht zufrieden sein, hörst du!? Zufriedenheit ist die hässliche Tante von Glück. Und was für Lulus!“ Beneiden könnte man sie für soviel direkte Spontanität.
Aber möglicherweise sollte F doch einen Therapeutenwechsel in Betracht ziehen.

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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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