über Familienfeiern
06/04/2016

Stahlbäder der Gefühle

Warum Familie so anstrengend ist.

von Polly Adler

Ich stelle mir immer die Frage, warum unter Menschen, die sich eigentlich am nächsten sein sollten, das Feingefühl auf Pause-Taste gestellt wird.

Polly Adler | über Familienfeiern

Nach Familienfeiern bin ich immer so geschlaucht, dass ich am liebsten zwei Tage in einem von der Umwelt total abgeriegelten Sauerstoffzelt verbringen möchte“, sagte F und knallte sich auf den Liegestuhl. Dabei umfasste sie eine Serviette, auf der pseudo-originell das Wort „Heimathafen“ gedruckt stand, wie ein Kleinkind sein erstes Kuscheltier. Irgendwie fühlt sich mein kleines Kabäuschen an der Alten Donau auch so an: ein Leo, in einem ansonsten sehr anstrengenden Universum. F ließ sich von mir mit einem bunten Getränk verarzten: „Ich stelle mir immer die Frage, warum unter Menschen, die sich eigentlich am nächsten sein sollten, das Feingefühl auf Pause-Taste gestellt wird und die Kränkungen und Vorwürfe hin und her schwirren, wie Moskitos an einem trägschwülen Spätsommerabend. Und das, obwohl sie sich nur alle paar Wochen sehen – ohne Not und aus purem Prinzip.“
Ich kenne diese Form des „friendly fires“, diese Vorwurfs-Salven, in denen Satz-Partikel wie „Mich geht es ja nichts an, aber ...“ oder „Das haben wir auch nicht gehabt“ oder „Zu meiner Zeit ...“ oder „Du hättest schon viel früher ...“ Hätte, wäre, wollte – das besonders perfide Konjunktiv-Geschwader. Und plötzlich wird man wieder 4 und ist auch genau so hilflos, sieht aber leider dabei nicht mehr so gut aus. Dabei wollte man nur entspannt miteinander essen und vielleicht, wäre eine riesige Nebenwirkung, auch ein bisschen ablachen.
Aber aus irgendwelchen mysteriösen Gründen funktioniert das in der Regel nicht. In aller Drastik und wie zum Trost nachzulesen bei den Herren Sophokles, Euripides, Strindberg, Ibsen, Tschechow, O’Neill, Williams und dem so entsetzlich weisen Herrn Schnitzler, der für unseren Erklärungsbedarf natürlich einen Aphorismus in petto hat: Wahrhaft ungütig sind wir nur gegen Menschen, von denen wir wissen, daß sie uns niemals verloren gehen können.

polly.adler@kurier.at

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