Loslassen-Gymnastik

Mutter, allein zuhaus.

So. Die Wohnung ist jetzt also leer. Keine Schmutzwäschetürme im Bad, keine unter den Betten herumkullernden Flaschen von meinem Festtags-Champagner („Ooopsie, tut mir so leid, gehört der wirklich dir?!“); null Gangsta-Rapper-Freunde, die ein paar lustige Zigaretten auf meinem Balkon rauchen und feministisch äußerst diskussionswürdige Songs schwingen über Frauen, denen sie auf dem Kühler eines Maserati Mores lehren wollen, und anderen Gewaltbereitschaften. Und diese Kids kommen jetzt nicht aus einer Umgebung, in der brennende Ölfässer den Wandverbau ersetzt haben, sondern aus Montessori-affinen Haushalten. Egal, nicht mein Problem. Ich habe jetzt nämlich ganz andere Sorgen. Denn das Kind ist ja in Südamerika, noch dazu in Rio. Einer Stadt, in der der Tag in vielen Vierteln mit einer Schusswunde beginnt.
Ich erinnere mich an den seltsamen Satz von Falcos Mutter Maria Hölzel nach dessen Tod: „Jetzt muaß i mir um mein Buam wenigstens keine Sorgen mehr machen.“ Ich lenke mich ab: Mit Gymnastikübungen im Loslassen. Ich tröste mich: Mit in Schokolade gewälzten Maronis und dem Mantra, dass schon  Milliarden von Müttern sich von ihren Kindern verabschieden mussten.  Ein echtes Allerweltsproblem. Ich flüstere mir zu, dass der Fortpflanz ja wieder kommt. Und wir noch ein bisschen generationsübergreifende WG spielen können.  Fast ein Glück, dass die Wirtschaftslage so beschissen ist und die Generation Chillax sich keine eigenen Wohnungen leisten kann. „Besorg dir eine dekadente Töle!“, flüsterte mir unlängst eine befreundete Empty-Nest-Kollegin, „funktioniert bei mir Spitze!“ Nicht mein Weg. Als Methadon-Programm habe ich mir jetzt ein Gastkind eingecheckt. Und das werde ich so verwöhnen, dass der Fortpflanz noch schön schauen wird. So!

Breakfast at Polly's ... morgen, Sonntag, um elf Uhr im Wiener Rabenhof.

www.pollyadler.at
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(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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