über traurige Heldinnen auf der Suche nach dem Glück
05/28/2016

Höllenlieben, Liebeshöllen

Warum einfach alles so kompliziert ist:

von Polly Adler

Je aussichtsloser die Situation zu werden droht, desto weniger sind diese Pitbull-Hysterikerinnen bereit loszulassen.

Polly Adler | über traurige Heldinnen auf der Suche nach dem Glück

Unlängst wieder durch die Kurzgeschichten der formidablen Dorothy Parker gewatet. Brillant geschrieben, aber allesamt ein Armutszeugnis für das weibliche Geschlecht. Dotty verstand die Frauen, aber sie verachtete sie aus tiefstem Herzen. Die meisten ihrer traurigen Heldinnen sind, wie meine Tante Lou das nannte, Winsel-Mamsells, also Frauen, die sich in hysterischer Verzweiflung in sterbende Lieben wie Pitbull-Terrier verbeißen. Je aussichtsloser die Situation zu werden droht, desto weniger sind diese Pitbull-Hysterikerinnen bereit loszulassen. Parker brachte das Dilemma, für das Wälder gerodet wurden, um mit Buchtiteln wie „Wenn Frauen zu sehr lieben“ bis „Ich hasse dich. Verlass mich nicht“ Rat- und Trostlosigkeit zu spenden, wie immer in gnadenlose Kürze: „I loved them until they loved me“ und vice-versa natürlich. War doch schon immer so: Die Klein-Pepis, die man im Sandkasten mit aller Kraft nicht gesehen hat, hechelten, aphrodisiert vom Ignoriertwerden, irgendwann nach Zuwendung. Und den Fritzis, denen man in der Volksschule willfährig seine Fizzers und Dreh & Drinks überantwortet hat, sind einem dann mit einer anderen siebenjährigen Schlampe durchgebrannt – einer eben, die ihr mondänes Desinteresse besser zu dosieren verstand. Trotz ihres Röntgenblicks für die Liebe verübte Dorothy zwei Selbstmordversuche, was ihre Freunde zu der Bemerkung veranlasste: „Dotty, wenn du dich weiter so umbringst, wirst du dir noch einmal richtig weh tun.“ Ihre Zeitgenossin Coco Chanel, ebenso erotisch ambitioniert und emanzipiert, rechtfertigte im Alter von 61 ihre Liebesaffäre mit einem Nazi vor der französischen Geheimpolizei mit folgenden Worten: „Meine Herren, von einer Frau meines Alters kann man nicht erwarten, dass sie sich einen Pass zeigen lässt, wenn sie die Möglichkeit hat, einen Geliebten zu finden.“ Verdammenswert, aber verständlich.

polly.adler@kurier.at

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