Meinung | Kolumnen | chaos DE LUXE
18.03.2018

Durchs Leben waten

Ein Wochenende mit den Freundinnen, die seit über 40 Jahre im Leben sind.

Man ist perplex, dass der Schöpfungstechniker beim Städtebau dermaßen gute Laune gehabt haben konnte.

Polly Adler | über Venedig und andere verlorene Paradiese

Venedig also. Die Vaporetto-Schaffner mit ihren Hakennasen, silbergrauen Mähnen und Polaroid-Sonnenbrillen atmen majestätische Gelangweiltheit. Am Fischmarkt gegenüber wird mit ballettartiger Grandezza und unter heiseren Rufen die übrig gebliebene Ware verstaut. Der Ballsaal des Palazzo-Hotels mit seinen Murano-Lustermonstren ist in die Mittagssonne getaucht. Wie viele Dramen, vorgetäuschte Ohnmachtsanfälle und Intrigen-Quadrillen hier wohl statt gefunden haben mögen. Bei jedem Besuch ist man immer wieder perplex, dass der Schöpfungstechniker beim Städtebau dermaßen gute Laune gehabt haben konnte. Venedig ist und bleibt die Weltmeisterin in der Disziplin der unangestrengten Schönheit. Wie eine Frau, die mit so viel Charisma überschüttet wurde, dass sie bis ins hohe Alter ungeschminkt empfängt. Ein Wochenende mit den Freundinnen, die seit über 40 Jahren im Leben sind. Mit wechselnder Intensität. Aber immer da. Unterschiedlicher könnten wir nicht sein. Das verbindet. Man erkennt zunehmend den Luxus daran, dass man es im Leben zu Menschen gebracht hat, denen man nichts mehr vorturnen muss. Die einen in Ur-Zuständen kennen, mit denen man die Gehschule der Weltläufigkeit besucht hat, und die einem immer wieder, nachdem man auf die Gosch'n geflogen ist, wortlos die Hand gereicht haben. Wir gehen ziellos Dutzende Kilometer durch die entlegensten Winkel der Stadt und waten dabei durch unsere Lebensgeschichten. Am letzten Abend beginnt es zu schütten. Und wie! Ausgerechnet in dieser gottverlassenen Gegend. Cannaregio. Doch im „Paradiso Perduto“ tobt das warme Leben. Wir kriegen zwar keinen Platz, aber wie wir keinen kriegen, ist hinreißend. Ich denke an den schönen Satz der Schauspielerin Bibi Zeller: „Alles eine Katastrophe, aber ansonsten bin ich sehr glücklich.“ Manchmal passieren die besten Dinge, wenn man nicht reserviert.

Veranstaltungs-Tipp: 21. März, Casino Baden, 19 Uhr 30: „Amourhatscher” - Polly Adler spaziert mit Petra Morzé, Sona MacDonald und Andrea Händler durch das Krisengebiet der Liebe. Karten unter www.casinos.at


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