Meinung | Kolumnen | chaos DE LUXE
15.07.2017

Dorfschönheit

Warum Polly von der Frau Gecksi alles weiß.

Herr Walter, der mir in der Früh wortlos ein Salzstangerl mit einem Hauch Schmäh hinstellt.

Polly Adler | über ihre Nahversorger

Von der Frau Gecksi aus der Fleischerei weiß ich inzwischen alles: Dass sie letzte Woche ihren Hund, die Helene (nach ihrer Lieblingssängerin benannt), einschläfern musste, das war schlimm, noch schlimmer als der tödliche Autounfall ihres Mannes vor einem halben Jahr. Dass ihr jetzt die Einsamkeit um die Ohren fetzt, aber auch alles viel einfacher geworden ist. Jetzt könne die Frau Gecksi schlafen und essen, wann sie will. Soviel Leben zum Preis von einer Pariser-Semmel mit Fächergurkerl denke ich mir, als ich die Frau Gecksi, die der Tod ihrer Liebsten zu waghalsigen Frisurexperimenten (Steilrasur links, rote Rhomben auf Schwarz rechts) inspiriert haben dürfte, verlasse. Wegen diesem zwischenmenschlichen Nougat gehe ich zur Frau Gecksi in Erdberg, zur Alice in die Buchhandlung auf der Taborstraße, zu den herrlichen Käse-Tunten am Markt, die jeden mäßig gereiften Gouda wie eine Lido-de-Paris-Performance einläuten, zum Herrn Walter im „Engländer“, der mir in der Früh wortlos ein Salzstangerl mit einem Hauch Schmäh hinstellt. Ich möchte scharfkantige Echtmenschen, auch im Einzelhandel, und nicht diese patina-befreiten Graugesichtigen, die wie fernbedient durch die Regalhalden in den Supermärkten surren, in Infozylinder eingebunkert sind oder einfach nur hauptberuflich in Leidenschaftslosigkeit für ihren Job ertrinken. Ich möchte wissen, ob die Hunde all dieser Menschen bei Gesundheit sind, sie ihren Ehezoff unter Kontrolle haben, ihre Rückenproblematik weniger geworden ist, der Erbschaftsstreit sich erledigt hat und sie im Urlaub Schäfchenwolken zählen. Ich habe also die Seele eines Dorfbewohners, möchte es überschaubar und sehr persönlich, aber gleichzeitig muss mein Dorf fantastische Museen, üble Spelunken, Programmkinos mit französischen Problemfilmfestivals und herausragende Patisserien und Bordelle zu bieten haben. In Wien geht sich das alles sehr gut aus.

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polly.adler@kurier.at