Meinung | Kolumnen | chaos DE LUXE
24.06.2017

Der Rücken-Winnetou

Ein Plattsenkspreizfuß kann sexy sein.

„Wissen Sie, dass Ihre Augen mir Dinge erzählen, von denen Sie noch keine Ahnung haben?“

Polly Adler | über die Reifeprüfung mit dem Osteopathen

Der Mann sieht gut aus. Mit einem Schuss in Richtung Winnetou. C strahlt wie eine Wüstenwanderin, die entgegen aller Hoffnungen doch eine Oase gefunden hat. Ihr Handy quillt über von Fotos, die das neue Glück dokumentieren. Mit hohem Massageszenen-Anteil. „Im Internet gefischt?“ frage ich. „Nein, im Echtleben. Er ist mein Osteopath. Als ich in der Wäsche, Gott sei Dank Feiertagsdessous in schwarzer Spitze, vor ihm rumgehüpft bin und er mir seiner sonoren Stimme gesagt hat: Sie haben eine besorgniserregende Fehlstellung der rechten Hüfte und einen leichten Plattsenkspreizfuß, hat es gefunkt. Da habe ich gewusst, dass ich in den richtigen Händen bin und meine Sehnsucht von einer neuen Wirbelsäule, also Säule gestützt wird.“ Nach fünf Sessions, die sie mit Fantasie-Wehwechen („Vom Nacken bis zur Ferse habe ich nichts ausgelassen“) begründete, mobilisierte sie allen Mut und merkte noch auf der Pritsche in Bauchlage an: „Wissen Sie, dass Ihre Augen mir Dinge erzählen, von denen Sie noch keine Ahnung haben?“ Der Satz bedurfte einer gewissen Sickerwirkung, um beim Rücken-Winnetou seine volle Schönheit entfalten zu können. Doch dann wollte auch er so gern landen. Und jetzt sind sie bis auf Weiteres unzertrennlich. Er zog bei C ein und knetet seinen Mietanteil allmorgendlich an ihr ab. „Es ist ja auch deswegen so stressfrei, weil der Mann mich schon vor unserem ersten Date quasi nackt gesehen hat. So lagen die Karten auf dem Tisch und man konnte sich den ganzen selbst auferlegten Vollholler à la Bin ich ihm vielleicht zu füllig/zu welk/zu alles? sparen und sich einfach gehen lassen.“ – „Meine Lieblingssportart übrigens.“ – „Ach, Polly“, flüsterte sie, „das Leben ist plötzlich wieder schmerzfrei und schön. In unserem Alter machen Lieben in der Pflegebranche echten Sinn.“ Ich muss über diese These noch ein wenig nachdenken, ich Friedhofs-Deserteurin.

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