Meinung | Kolumnen | chaos DE LUXE
10.06.2017

Bonjour Gelassenheit

Jugend ist bitte keine Leistung

Du driftest gerade in die Generation Jause, Mittagsschlaf und Ermäßigungskarten

Polly Adler | über das Älter werden

Die Ausdruckskünstlerin, die in meiner Altersklasse dümpelt, schnappatmet. Sie besucht neuerdings einen Französisch-Kurs in einer Volkshochschule, wo vor allem sehr junge Leute sitzen. Eine mit so vielen Piercings behangene Mitschülerin, dass jeder Flughafen-Detektor am Stand durchdrehen würde, fragte sie kürzlich, ob sie schon Internet habe und sie ihr „voll gern“ erklären würde, wie das mit den E-Mails und so geht. „Salope“, hatte A die hilfsbereite Klassenkameradin angebrüllt, „je vais te tuer, as wie speak. Ich habe schon gesnapchatted, als du noch Hemd und Hosen in einem getragen hast.“ Sie bekam von „Madame Professeur“ einen Klassenbuchverweis wegen unbotmäßigen Verhaltens und musste acht Mal die übelsten irregulären Verben konjugieren. Oh ja, den besten Jahren von der falschen Seite zuzublinzeln, „ain't no place for sissies“, um den wunderbaren Bette-Davis-Sager wieder einmal zu strapazieren. „Dein Rücken ist keine Kreditkarte, von der du ständig ungestraft abheben kannst“, rieb mir mein Leibesübungsmeister, als ich die Position „gewaltbereites Krokodil“ oder so ähnlich verweigern wollte. „Gewöhn dich dran, Mama“, sagte der Fortpflanz, „du driftest gerade in die Generation Jause, Mittagsschlaf und Ermäßigungskarten.“ – „Pass einmal auf, Brut, bevor du mich zur Friedhofs-Deserteurin und Siestazenserin degradierst. Diese Lebensphase hat auch immense Vorteile ...“ – „Die da wären?“ Ich musste ein wenig nachdenken: „Man wiegt sich in der Sicherheit, kaum einen Unfug ausgelassen zu haben, weiß, dass die ewige Liebe meistens vier Jahre dauert, entwickelt eine Stress-Befreitheit, was den Wettbewerb in der sexuellen Marktwirtschaft betrifft und hat jobmäßig bereits die Filetstücke seines Talents serviert. Adieu, Beweisnotstand, Bonjour Gelassenheit.“ – „Du und gelassen?“, ätzte das Kind, „nicht in dem Leben!“ Ich warf Edith Piaf mit „Je m'en fous pas mal“ an.

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