Meinung | Kolumnen | Auf den Punkt gebracht
15.05.2017

In deinem Alter...

Zum Glück fiel das Wort Bauchhose nicht

Mag. (FH) Johannes Weichhart | Über das Älterwerden

So wie auf dem Foto zu Ihrer Linken wollen mich Menschen, die mir nahe stehen, jetzt öfters sehen. Also mit Hemd und wenn es leicht geht mit nicht abgewetzten Jeans. "In deinem Alter trägt man keine T-Shirts mehr", wurde mir mitgeteilt. Zum Glück fiel das Wort Bauchhose nicht, sonst wäre eine Eskalation der Situation unausweichlich gewesen. Ich muss dazusagen, dass ich heuer 39 Jahre alt werde."In deinem Alter...". Man kann es im ersten Moment gar nicht glauben, dass der Satz gefallen ist, von dem man als Jugendlicher immer dachte, dass man ihn nie hören wird. Aber er weckt auch Erinnerungen.Die erste Kindergartenliebe. Die erste Ausfahrt mit Opas Stangl-Puch, dabei der Geruch von frischem Sommerregen in der Nase. Die erste CD. "Nevermind" von Nirvana, ich höre sie noch immer gerne. Der erste Fleck im Zeugnis. Der erste Urlaub ohne Eltern. Mit dem Radl fuhren wir von Passau nach St. Pölten. Zum Frühstück gab es Bacardi-Cola und eine Marlboro. Führerschein, Bundesheer, Studium. Dann der erste Job, der mich gleich zum KURIER brachte. Und immer wieder traf ich auf dieser Reise Menschen, die zu Wegbegleitern, ja zu Freunden wurden. Manche von ihnen haben diese Welt leider schon wieder verlassen.Und man denkt natürlich auch an die Zukunft. Wie wird es sein "im Alter"? Mit 80, vielleicht 90 Jahren. Wird jemand da sein, der sich um mich kümmert, wenn ich Hilfe brauche?

Im Vorjahr habe ich Veronika Schweida getroffen. Sie arbeitet im Landespflegeheim in St. Pölten. Eine engagierte Frau, die offen aussprach, wie dieser Beruf an die Grenzen der Belastbarkeit geht. "Man muss Beschimpfungen von Klienten aushalten können. Man darf sie ja nur nicht persönlich nehmen", erzählte sie.

An Schweida habe ich denken müssen, als aufgrund eines Berichtes der Volksanwaltschaft das Thema Pflege wieder einmal thematisiert wurde. "Heime das Grauens" titelte ein Boulevardblatt und verunglimpfte damit eine ganze Branche. Vielleicht sollte man daran denken, dass man Menschen wie Schweida einmal brauchen wird. Dann. Im Alter.

eMail: johannes.weichhart@kurier.at