Können wir Paraguay?
Deutschland verliert bei der WM gegen ein Land, das drei Millionen Einwohner weniger hat als Österreich. Die Niederlande, eine der traditionsreichsten Fußball-Nationen, werden von Marokko (bisher eine der attraktivsten Mannschaften) aus dem Bewerb gekickt. Kap Verde, ein afrikanischer Inselstaat mit so vielen Bewohnern wie das Bundesland Salzburg, misst sich am Samstag mit dem großen Argentinien (gegen das wir keine Chance hatten). Und ganz bestimmt gibt es an den kommenden Tagen noch die eine oder andere Überraschung.
Kommt uns diese WM nur so verrückt vor, weil sie (ökologisch verrückt!) in drei Ländern stattfindet, die uns zeitzonentechnisch in nachtwandlerischem Zustand die Spiele bescheren? Oder vollzieht sich nun auch im Sport, was auf politischer Ebene zumindest gefühlt schon eingetreten ist: eine Welt im Wandel, eine Verschiebung der Machtverhältnisse, eine Erdachse, die sich mehr und mehr zu neigen droht?
Fakten sind jedenfalls, dass Afrika als Kontinent immer wichtiger wird, ob politisch oder fußballerisch; dass Südamerika nicht nur am Platz, sondern aus europäischer Sicht auch ökonomisch ein zentraler Player ist und Paraguay sozusagen das Mercosur-Team der WM; dass sich Kanada (bisher ein Fußball-Zwerg) nicht nur politisch gegen das Trump-Amerika behauptet, sondern bisher eine fabelhafte sportliche Leistung jenseits von Eishockey und Curling bietet; und dass nicht mehr der geringste Grund für europäische Arroganz besteht.
Wahr ist aber auch, dass Deutschland selbstverständlich ein größerer Player als Paraguay bleibt, in jeder Hinsicht. Und dass Europa, angeführt von Deutschland, Weltmeister in der Selbstgeißelung ist. Die Untergangserzählungen der ganzen EU sind ebenso übertrieben wie jene des deutschen Teams. Obwohl man sich als Österreicher einer gewissen Schadenfreude nicht entziehen kann.
Am Donnerstag läuft nun das ÖFB-Team wieder auf. Realistisch stehen die Chancen gegen Spanien äußerst gering. Aber das waren jene von Paraguay gegen Deutschland auch. Wenn man keine Chance hat, kann man sie oft ganz gut nützen. Österreich, ein gutes Land, wäre um keinen Deut besser, wenn wir das Spiel gewännen. Unsere Politiker würden sich zwar mit Verbal-Salti überdribbeln, die Koalition wäre aber deshalb nicht erfolgreicher (und die Links-Regierung in Madrid nicht übler). Für das Selbstbewusstsein gerade kleiner Nationen sind solche Erfolge dennoch essenziell. Österreich, das zuletzt in manchen Bilanzen schlecht dastand, bräuchte dringend ein Sommermärchen. Vielleicht gäbe es dann sogar Verständnis dafür, dass Politiker auf Staatskosten zu Spielen reisen und sich auf Social Media seltsam benehmen.
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