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Der nächste Premier braucht Mut für den Weg nach Europa

Der Abgang von Labour-Premier Keir Starmer ist Ausdruck des Scheiterns eines politischen Systems, das seit dem Brexit nicht in die Spur zurückfindet.
Konrad Kramar
Britain's PM Starmer to set out a timetable for his departure, in London

Auch wenn ältere Wiener gelegentlich noch gerne von der „feinen englischen Art“ reden, fein war die britische Politik noch nie. Hier rollen politische Köpfe sehr schnell. Die Boulevardpresse, wenn sie einmal Blut gerochen hat, weidet jeden politischen Skandal genüsslich aus. Ist eine Führungsfigur einmal angeschlagen, sind die Dolche rasch bei der Hand, auch enge Vertraute verschwören sich gegen den Chef. In der politischen Härte spiegelt sich die soziale und wirtschaftliche Härte auf der Insel, der Wind der Marktwirtschaft weht hier rauer als in Mitteleuropa. Wer die Schlangen vor Sozialmärkten und Essensausgaben im industriell verwahrlosten Norden Englands kennt, weiß, dass Wirtschaftskrisen hier für kleine Leute zu Existenzkrisen werden.

Auch wenn ältere Wiener gelegentlich noch gerne von der „feinen englischen Art“ reden, fein war die britische Politik noch nie. Hier rollen politische Köpfe sehr schnell. Die Boulevardpresse, wenn sie einmal Blut gerochen hat, weidet jeden politischen Skandal genüsslich aus. Ist eine Führungsfigur einmal angeschlagen, sind die Dolche rasch bei der Hand, auch enge Vertraute verschwören sich gegen den Chef. In der politischen Härte spiegelt sich die soziale und wirtschaftliche  Härte auf der Insel, der Wind der Marktwirtschaft weht hier rauer als in Mitteleuropa. Wer die Schlangen vor Sozialmärkten und Essensausgaben  im industriell verwahrlosten Norden Englands kennt, weiß, dass Wirtschaftskrisen hier für kleine Leute zu Existenzkrisen werden. 
Diese Wirtschaftskrise hat das Land seit dem Brexit  nicht mehr losgelassen. Die EU ist Großbritanniens mit Abstand wichtigster Handelspartner. Jede Zollvorschrift und jede Grenzkontrolle taten der britischen Wirtschaft bitter weh, auch weil die – anders als die EU-skeptischen Briten gerne meinen – nur in enger Verzahnung mit Europa funktionieren kann. Die Konservativen, die dank ihres selbstsüchtigen Popstars Boris Johnson den EU-Austritt in aller Härte durchzogen, haben Labour und damit Keir Starmer einen wirtschaftlichen Scherbenhaufen hinterlassen. Der also hatte kaum eine andere Möglichkeit, als bei den sozial Schwachen einzusparen, um sein Budget rasch zu reparieren. Das gelang nur teilweise, aber Maßnahmen wie das  Streichen eines Heizkostenzuschusses für Pensionisten  kosteten  Starmer unweigerlich Sympathien bei seinen Stammwählern aus der Arbeiterschicht.

Jedes Vertrauen in die Politik verloren

Dass den Premier dann noch der Skandal um den langjährigen  Labour-Chefstrategen Peter Mandelson erwischte, war nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.  Die britische Arbeiterschicht hat jedes Vertrauen in die Politik verloren, der man einfach nicht mehr zutraut, etwas gegen die soziale Schieflage tun zu können oder auch nur zu wollen. Der  stärkste Ausdruck dieser Verbitterung ist der Höhenflug des Rechtspopulisten Nigel Farage. Der Mann, der gemeinsam mit Boris Johnson den Brexit inszeniert hat, zieht jetzt die Menschen an, die die katastrophalen Folgen des EU-Austritts auszubaden haben. Offener kann man als Bürger seine grundsätzliche Verachtung für die Politik nicht ausdrücken. Mit Inhalten kann man Farage wie anderen Rechtspopulisten nicht beikommen, da er – abgesehen von der illegalen Migration – sich gar nicht um Inhalte bemüht. Man kann ihn also nur links –  oder eben rechts –  liegenlassen, und dem Land wieder eine politische Richtung vorgeben. Und die führt, zehn Jahre nach der Brexit-Abstimmung, zu allererst zurück nach Europa.
 

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