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Leitartikel
07/23/2021

Kein Grund zur Aufregung

Auch eineinhalb Jahre nach dem Corona-Ausbruch dominieren das Nichtwissen und der Alleswisser. Stimmen der Vernunft sind selten.

von Andreas Schwarz

In Tokio wurden am Freitag die Olympischen Sommerspiele eröffnet, und den Japanern wäre lieber, wenn sie auch schon wieder vorbei wären. Das Land befindet sich mitten in einer fünften Covid-Welle. Die Menschen dort haben andere Sorgen, als die Spiele eh nicht zu besuchen, weil sie zuschauerlos sind.

Bei der Fußball-Euro waren die Stadien halb bis ganz voll, in Budapest war jeder Platz gefühlt zweimal besetzt, und die Fans feierten maskenlos, als hätte es eine Pandemie nie gegeben. Penible Virus-Spotter wussten auch gleich, um welche Stadien herum die Zahl der Infektionen explodierte.

Bei den Festspielen in Salzburg herrscht, nachdem eine geimpfte und infizierte Jedermann-Besucherin ausgemacht wurde, in- und outdoor Maskenpflicht; die Eröffnung der Bregenzer Festspiele sah die Staatsspitze in Reihe eins ganz munter ohne Maske.

Wie im Sommer 2021 mit dem Virus umgegangen wird, steht symbolisch dafür, was wir eineinhalb Jahre nach Beginn der aus China in die Welt gelassenen Pandemie über das Virus und den Umgang damit wissen: immer noch vergleichsweise nichts. Oder so gut wie nichts.

Gut, Wissenschafter haben in Rekordzeit mehrere Impfstoffe auf den Markt gebracht (wieso schafft eigentlich niemand in Rekordzeit ein Medikament??). Aber jetzt, wo Delta, eine von vielen noch kommenden Mutationen, sein Unwesen treibt, stehen wir wieder am Start: Die Viruslast ist höher, aber bei Geimpften gering; die Impfung schützt nicht zu 98, nur noch zu 64 Prozent vor schwerer Erkrankung – nein, sagt eine neue Studie, zu xy Prozent (setzen Sie eine Zahl ein, es ändert sich noch oft); die Übertragung erfolgt schneller, PCR-Tests kommen nicht mehr mit; her mit der dritten Impfung, aber kreuz-, nein besser nicht kreuzweise; zu spät, rufen die Drostens und Lauterbachs dieser Welt, der Herbst wird furchtbar.

Die Medien hyperventilieren fröhlich mit („Verhagelt uns Delta den Urlaub?“). Einzelne Länder setzen andere auf Risikolisten, Reisen ist aufgrund unterschiedlicher Regeln ohnehin ein Roulette. Und politisch Verhaltensauffällige dürfen ungestraft Sachen sagen wie „Geimpfte sind die neuen Gefährder“ (© Dominik wer? Nepp).

Hinzu kommen Millionen Hobby-Virologen und Experten für alles auch hierzulande, die ganz genau wissen, was Politik und Wissenschaft zu tun haben, wo Verantwortliche säumig sind – mit einer Sicherheit, die beneidenswert wäre, wenn sie ein Fuzerl Fundament hätte.

Da tun Sätze wie die des Gerald Gartlehner gut: Ja, wir stehen am Beginn einer vierten Welle, sagt der Epidemiologe. Aber die Hospitalisierungen bleiben gering. „Kein Grund zur Aufregung“ – wenn wir nur wieder zur Maske griffen. Für Sorglosigkeit sei es angesichts der geringen Durchimpfrate nämlich zu früh. Das könnte man als Stimme der Vernunft in Zeiten der Irrlichterei so stehen lassen. Und befolgen.

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