Meinung
20.10.2017

Karottenhose und Schamkapsel

Solche Hosen sind kein Armutszeichen, sondern modern.

Solche Hosen sind kein Armutszeichen, sondern modern.

Mag. Simone Hoepke | über zerrissene Jeans

Meine Cousine, über 40 und damit dem Taschengeldalter entrückt, lebt seit Kurzem in Deutschland. Die Oma macht sich große Sorgen um "das Kind". Beim letzten Besuch hat sie ihr 200 Euro zugesteckt. Für eine neue Hose.

Schuld an Omas Sorgenfalten war Sabines sündteure Designerjeans, die über dem rechten Knie und am linken Oberschenkel nur von dünnen Fäden zusammengehalten wird und auch sonst ziemlich lädiert ausschaut. Was Oma nicht glauben kann: Solche Hosen sind kein Armutszeichen, sondern modern. Zerrissene Jeans kosten gern ein paar Hundert Euro. Klingt erklärungsbedürftig, ist es auch. Ein Experte erläutert daher, dass sich Modemacher mit dem Thema Vergänglichkeit auseinandersetzen und damit eben auch mit dem Zerfall von Jeans. Außerdem müssen Hosen, sind sie erstmal produziert, mühsam zerrissen und verwaschen werden, bevor sie auf den Markt kommen. Kostet alles Geld.

Es gab schon Schlimmeres.

Karottenhosen zum Beispiel.

Oder die Schamkapsel. Mit selbiger haben Männer ihr Geschlechtsteil betont. Zugegeben, das war zu einer Zeit, als Ludwig der XIV. in Frankreich das Sagen hatte und Männer mit gepuderten Perücken und Federn am Hut durch die Gänge von Schloss Versailles stolzierten. Mode war damals noch männlich. Weiblich wurde sie erst nach der Französischen Revolution, als Männer mit Federschmuck plötzlich nicht mehr richtig ernst genommen wurden.

Männer haben es heute einfach. Ob Geschäftsessen oder Abendempfang – ein schwarzer Anzug geht immer. Außer in der Start-up-Szene. Da wird man in so einem Aufzug eher für einen Chauffeur als für einen Entrepreneur gehalten. Die Uniform der Szene ist die zerrissene Jeans und der Kapuzenpulli. Wobei die Halbwertszeit der Jeans oft über jener des Start-ups liegt.

Ich hab mir heuer ein T-Shirt mit kurzer Halbwertszeit gekauft. Laut dem Modehändler C&A verrottet es auf dem Komposthaufen binnen sechs Monaten. Jetzt muss ich nur noch meiner Mutter erklären, warum ein T-Shirt auf ihrem Komposthaufen liegt.