Im Zuckeltempo geschlossen ins Ziel

Diese Kühe interessiert die Tour nicht die Bohne.
Foto: epa

Tour de France: Man soll ja nicht so mit Superlativen um sich werfen, weil schlimmer geht immer. Aber diese Etappe war doch ärgstens.

Dabei hatte ich sie gegen 3 schon abgeschrieben, Bergankunft am Kitzbühler Horn angeschaut (zwei Ex-CERA-Doper frisch aus der Sperre haben gewonnen, naja) und mir gar keine so große Sorgen gemacht, dass ich den Restnachmittag ausnahmsweise mal nicht in der Nähe eines Fernsehkastls verbringen würde. Und dann saß ich im Zug, Funklöcher verfluchend, verzweifelt den Reload-Button behämmernd, heulend und zähneknirschend mit dem Handy in der Hand da. Weil so gut lief das ja nicht für mein Lieblingsteam: Die zwei Schlecks sind eine Menge Haut los, das Gelbe fürn Fabian ist futsch und sowieso alles arg.

Was ist passiert? Kurze Zusammenfassung, weil detailliert kann man das eh anderswo nachlesen: Erwartungsgemäß geht die Fluchtgruppe recht früh, auf der Jagd nach Bergpunkten. Nur diesmal hat es sich wirklich ausgezahlt, weil nicht, wie üblich, die paar erschöpften, fertigen, kaputten Restversprengten kurz vor der Ziellinie von der Peloton-Stampede annihiliert wurden, sondern: Kaum war die Jagd eröffnet, gab es Sturz und Chaos im Feld bei einer Abfahrt. Regen, glatter Belag und dazu Höchsttempo bei der Verfolgungsjagd hinter den Ausreissern nach, da kann das schon passieren. Am Boden: Die Schlecks, Lance Armstrong, Pettacchi und ein Haufen andere, dahinter Contador, etc., das Feld auseinandergesprengt. Zuerst sah's schlecht aus fürn Andy, Teamkollege musste Rad herborgen, er hing schief drauf (ich hab's nicht gesehen), Bruderherz, Jens & Co aber brachten alles wieder zusammen, nicht nur weil Fabian vorn die Autorität des Gelben Trikots ausnutzte, um Tempo rauszunehmen. Derweil tut vorn Silvain Chavanel, als letzter der Fluchtgruppe, fahren wie der Teufel und holt sich nicht nur die Etappe, sondern auch noch das Gelbe. Ist eh nicht unverdient, vor allem hatte der ja erst im Frühjahr einen Schädelbruch, so dringend wollte er bei Liége-Bastogne-Liége in ein Begleitfahrzeug einsteigen.

Und dann: Fabian diskutiert mit den anderen Fahrern, einem dicken Mann im Jury-Auto und ganz solidarisch fuhr man im Zuckeltempo geschlossen ins Ziel, kein Sprint. Nur ein Franzose meinte, er müsste sich da einen billigen Blumentopf holen, aber der bekam ordentlich geschimpft, nicht nur von Fabian, auch Bernhard Eisel tat da etwas rüde gestikulieren. Es ging wohl darum, Protest zu demonstrieren, weil schon gestern alle geschimpft haben wegen gefährlich, und heute auch wieder so arg und wegen morgen (Kopfsteinpflaster!) tun sich sowieso alle ein wenig das Sitzpölsterchen beschmutzen.

Nur hat sich Eddie Merckx (der, eh klar, in Belgien, jeden Tag dabei ist) auch schon zu Wort gemeldet, nämlich mit (ich paraphrasiere): Leutln, pudelt's euch net auf, das ist kein Kindergeburtstag, das ist ein Radrennen. Was wollt's denn machen? Nur noch auf der Autobahn fahren? Na gut, er hat leicht reden. Damals, als sie noch mit gusseisernen Rädern 500 km durch Schneestürme auf gletschermoränengleichen Pflasterstraßen 10000 m hohe Berge befuhren, als die Rennfahrer noch Säure statt Blut und Titantestikel hatten, da hätten die nur gelacht, ein nach Absturz in 50m-Gräben abgerissenes Bein mit aus dem Trikot getrennten Wollfäden wieder angenäht und gleich direkt ohne Zwischenstopp nach Paris weitergefahren. Naja, die Zeiten sind vorbei, heutzutage jammern überbezahlte Diven, wenn auf einem Pass eine Schneeflocke aufrecht auf der Straße steht. Ich bin da ja eher gespaltener Meinung: Einerseits, eh, vor allem schade, wenn so ein Radrennen durch Stürze entschieden wird, andererseits will ich schon Spektakel sehen und Drama, und wenn Andy Hampsten den Giro gewinnt, weil er am besten mit einem Schneesturm am Gavia zurechtkommt, redet man heute noch drüber, weil episch usw.

Ausserdem ärgere ich mich ein wenig, dass ich gestern die paar geplanten Sätze zwegen Kameraderie, Fairness und Zusammenhalt unter eigentlich schärfsten Konkurrenten aus aller Herren Länder nicht geschrieben habe, weil heute ja wunderbares Beispiel. Zuerst warten sie vorne, bis wieder alles beisammen ist, dann solidarisieren sich 190 Leute und verweigern aus Protest den Sprint. Hätte meinen schlechten Vorhersagen doch ein bisserl gut getan. Na gut, ich probier's trotzdem wieder: Morgen werden alle total vorsichtig sein, vielleicht gibt's auch noch einen Protest oder zwei. Das versprochene Attackenfest wird ausbleiben, im Klassement ändert sich net viel.

(kurier / Heinz Ekker) Erstellt am
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