Meinung
20.05.2018

Geistbewegt

Für Wim Wenders ist Papst Franziskus ein „Revolutionär nicht nur der gesamten Christenheit, sondern der ganzen Menschheit.“

In Cannes stellte der vielfach preisgekrönte Filmregisseur nun seine Doku „ Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ vor. Ganz unerwartet war er vom Vatikan zu diesem Filmprojekt eingeladen worden. Wenders veranschaulicht, dass dieser Papst keinen passenderen Namen hätte wählen können: Ihm liegt, wie dem hl. Franz von Assisi im dreizehnten Jahrhundert, eine vom Heiligen Geist inspirierte Erneuerung der Kirche am Herzen, die auch darin besteht, diese zu ihren Ursprüngen und Kernaufgaben zurückzuführen. Die Zuwendung zu den Armen ist eine der stärksten Handschriften unseres Papstes. Das zeigen seine Besuche auf der italienischen Flüchtlingshotspot-Insel Lampedusa und auf Lesbos. Oder sein kleiner Fiat 500 CL, der bei seinem Amerika-Besuch von mehr als doppelt so großen und protzigen Begleitfahrzeugen der Security umringt war.

Gleichsam face to face wird im Film der Mensch Franziskus im höchsten Kirchenamt gezeigt, als leidenschaftlicher Seelsorger, dem ein aufrichtiges Lächeln und die persönliche Zuwendung so viel mehr bedeuten als eine theologisch überspitzte Diskussion über dieses oder jenes Erlaubt-Sein oder Doch-Nicht-Erlaubt-Sein.

Nicht müde werden

Zum Ausdruck kommt auch sein Sinn für Humor, den man – bei aller Not dieser Welt – keinesfalls verlieren darf: Nach dem allgemeinen kirchlichen Morgengebet schließt Franziskus täglich eine Bitte des hl. Thomas Morus an: „Herr, du hast mir die Verdauung geschenkt, schenke mir auch etwas zum Verdauen!“

Sein unermüdliches Eintreten für eine Kultur der Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit gegen alle Fehlformen des oberflächlichen Konsumismus und der Wegwerfgesellschaft richtet den Blick auf die Schöpfung – ist es doch unser aller Aufgabe, sie zu schützen und zu retten. Ebenso regt er eine Kultur des Miteinanders an, gerade in der Familie. „Hast du heute schon mit deinen Kindern gespielt, dir zumindest am Wochenende dafür Zeit genommen?“ fragt der Seelsorger Franziskus in der Beichte junge Eltern.

Wim Wenders gelingt es mit diesem Film, den geistbewegten, leidenschaftlichen und, ja, auch zärtlichen Menschen hinter dem Reform-Papst mit wunderbaren Filmsequenzen herauszustreichen. Diskussionseinwürfe über die Qualität seiner Theologie wirken da wie überhebliche Haarspaltereien und sind höchst verzichtbar.

Meine Filmempfehlung ab 14. Juni: Höchst gefährlich – Sie können zu Tränen gerührt werden und ein Papst-Fan werden, falls Sie es nicht eh schon sind.

Der Autor ist Dompfarrer zu St. Stephan: dompfarrer@stephansdom.at