Weltfrauentag: Ihr könnt es nicht mehr hören?
Jedes Jahr am 8. März ist es dasselbe irritierende Schauspiel: große Reden über Gleichstellung, Wertschätzung und Respekt und das von Menschen, die die restlichen Tage des Jahres weder darüber reden noch etwas dafür tun. Und natürlich Blumen. Ich mag Blumen. Wirklich. Aber mit Gleichberechtigung haben sie ungefähr so viel zu tun wie ein Schulterklopfen mit einer fairen Gehaltserhöhung. Nett gemeint, aber am Monatsende hilft das niemandem.
Für viele ist der 8. März ein Tag der Gesten. Für uns ist er ein Tag der Realität und ein Aufruf zum Kampf. Blumen zahlen keine Miete. Sie füllen keinen Einkaufskorb. Sie sichern keine Pension. Was Frauen brauchen, ist faire Bezahlung. Punkt.
Die EU-Lohntransparenzrichtlinie ist da ein Silberstreifen am Horizont. Denn in Österreich verdienen Frauen im Schnitt noch immer 15,5 Prozent weniger als Männer. Das sind über 10.000 Euro im Jahr. Geld, das im Alltag fehlt. Geld, das in der Pension fehlt. Geld, das Unabhängigkeit kostet.
Dorottya Kickinger.
Alte Ausreden
Und bitte hören wir endlich auf mit den alten Ausreden: Frauen wählen „halt andere Berufe“. Frauen arbeiten „halt Teilzeit“. Frauen verhandeln „halt schlechter“. Zwei Drittel der Lohnlücke sind nicht erklärbar – nicht mit Ausbildung, nicht mit der Berufswahl, nicht mit Leistung. Das ist der Skandal: Gleiche oder gleichwertige Arbeit wird unterschiedlich bezahlt. Und das im Jahr 2026. Gleichzeitig gilt noch immer dieses seltsame Tabu: Über Geld spricht man nicht. Aber wem nützt dieses Schweigen? Sicher nicht den Beschäftigten. Es nützt jenen, die ungleiche Bezahlung lieber im Verborgenen halten. Die Betroffenen – das wissen wir aus unserer täglichen Arbeit - wünschen sich sehr wohl Transparenz und Klarheit, besonders vom Arbeitgeber.
Echter Wendepunkt
Darum ist die EU-Lohntransparenzrichtlinie ein echter Wendepunkt. Die Europäische Union verpflichtet Unternehmen zu mehr Offenheit. Einkommensberichte werden ausgeweitet und veröffentlicht. Beschäftigte bekommen ein Recht auf Auskunft über Durchschnittsgehälter bei vergleichbaren Tätigkeiten. Gehaltsgeheimnisse werden verboten. Und bei ungerechtfertigten Unterschieden von mehr als fünf Prozent müssen Betriebe Maßnahmen setzen, wenn vorhanden gemeinsam mit Belegschaftsvertretungen.
Transparenz verändert Machtverhältnisse: Wer Zahlen kennt, kann Ungleichheit sichtbar machen – und bekämpfen. Das ist ein starkes Instrument. Aber nur wenn es konsequent umgesetzt und kontrolliert wird. Gleicher Lohn ist kein Bonus. Kein Geschenk. Er ist ein Recht. Und dieses Recht darf nicht vom guten Willen einzelner abhängen.
Wenn jetzt jemand sagt, Transparenz sei “zu viel Aufwand“, dann drängt sich eine Frage auf: Wovor fürchtet man sich da eigentlich?
Gesetze ohne wirksame Instrumente und Kontrollen sind zahnlos. Darum ist die Umsetzung der Richtlinie bis Juni 2026 in Österreich ein wichtiger Meilenstein für mehr Gleichstellung. Halbherzige Lösungen werden nicht mehr akzeptiert werden können.
Reden wir über Löhne. Reden wir über Machtverteilung. Bewirken wir Veränderung. Und sorgen wir dafür, dass sich am 8. März endlich mehr ändert als nur der Blumenschmuck.
Zur Autorin:
Dorottya Kickinger ist Bundesfrauensekretärin des ÖGB, Expertin für Frauenfragen und Gleichstellung.
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