Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Vor Magyar-Besuch: Ungarns Weg nach Europa verläuft durch Österreich

Warum der Wien-Besuch des frisch angelobten Premierministers Péter Magyars von besonderer Wichtigkeit ist. Ein Gastkommentar von Peter Techet.
Vor Magyar-Besuch: Ungarns Weg nach Europa verläuft durch Österreich

Die neue Regierung in Budapest will das Land außenpolitisch neu ausrichten – weg von Moskau, hin zu Europa. Das soll sich auch in den ersten Auslandsbesuchen des neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar zeigen: Zunächst reist er nach Warschau, dann weiter nach Wien.

Zwischen Ungarn und Polen bestanden immer enge Beziehungen, die erst infolge der unterschiedlichen Positionen zum Ukrainekrieg unter Orbán einen Tiefpunkt erreichten. Magyars Polen-Reise ist daher eine klare politische Botschaft: Ungarn will mit der bisherigen prorussischen Linie brechen.

Mann mit lockigen braunen Haaren, roter Brille und hellblauem Hemd lächelt vor weißem Hintergrund.

Peter Techet.

Dennoch ist Magyars Besuch in Wien aus einer mitteleuropäischen Perspektive noch wichtiger. Die neue ungarische Außenpolitik will Mitteleuropa wieder ernst nehmen. Magyar machte bereits nach seinem Wahlsieg deutlich, dass er die Beziehungen insbesondere zu Österreich vertiefen möchte. Mit Österreich bestehen zudem keine historisch belasteten Streitfragen wie etwa mit der Slowakei aufgrund der Beneš-Dekrete. Österreich verkörpert vieles, was die Ungarn während des Kommunismus und teilweise auch danach am Westen beneideten: Wohlstand und Freiheit.

Politico sprach bereits von einer „Wiederbelebung der österreichisch-ungarischen Monarchie“. In Österreich mag das anachronistisch klingen, in Teilen Ostmitteleuropas wird die habsburgische Vergangenheit jedoch zunehmend positiv betrachtet. Auch in Ungarn erinnert man sich heute vor allem an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruch zwischen 1867 und 1918. Gleichzeitig trat in Ungarn immer wieder eine nationalistische Linie hervor. Auch in den vergangenen 16 Jahren war in Budapest eine Regierung an der Macht, die eine Vertiefung der europäischen Integration blockierte – ähnlich wie ihre Vorgänger in der Habsburgermonarchie, wenn es darum ging, den österreichischen Kaiserstaat zu einer echten Föderation weiterzuentwickeln.

In diesem Zusammenhang schrieb der österreichische Schriftsteller Hermann Bahr 1911, die ungarische Elite verteidige weniger die Souveränität des Landes als ihre eigene Macht gegenüber den Interessen der Bevölkerung: „Unser österreichisches Interesse will genau dasselbe, was das ungarische Volk will: ein demokratisches Ungarn.“ Bahr war überzeugt, Österreich wäre „mit einem demokratischen Ungarn am ersten Tag einig“. Doch dazu kam es in der Habsburgermonarchie nicht: Nationalitätenkonflikte und der Krieg zerstörten das friedliche Zusammenleben mitteleuropäischer Völker.

Mit dem heutigen demokratischen Ungarn könnte Österreich in vielen Fragen tatsächlich enger zusammenfinden. Budapest kann für Wien zu einem wichtigen Verbündeten in der EU werden. Von Wien und Budapest aus könnte auch eine neue Form mitteleuropäischer Zusammenarbeit entstehen – als Ausdruck einer selbstbewussten mitteleuropäischen Stimme in Europa. Eine solche würde auch den EU-Kandidatenländern Südosteuropas mehr Gehör verschaffen – einer Region, mit der Österreich und Ungarn historisch wie wirtschaftlich eng verbunden sind.

Zum Autor:
Peter Techet ist Jurist und Historiker, forscht am Institut für den Donauraum und Mitteleuropa in Wien.

Kommentare