Schule und Sommer: Bildung kennt keine Ferien
Die Sommerferien gelten als unbeschwerteste Zeit des Jahres. Für viele Kinder sind sie das auch. Sie reisen, entdecken, spielen, lesen und genießen. Andere haben im Sommer weniger Möglichkeiten: Sie verbringen viel Zeit zu Hause, teils ohne Betreuung, vor dem Smartphone oder dem Fernseher. Wer in den Ferien keinen Zugang zu Büchern, Ausflügen und fördernder Begleitung hat, verliert häufig den Anschluss an die anderen in der Klasse. Das betrifft besonders jene Familien, die ohnehin bereits benachteiligt sind.
Dass hier Handlungsbedarf besteht, wird inzwischen auch politisch erkannt. Bereits im Jänner hat der Nationalrat beschlossen, Kinder mit Deutschdefiziten verpflichtend in eine zweiwöchige Sommerschule zu schicken. Und erst kürzlich ist der Landesverband der Wiener Pflichtschulelternvereine mit einer weiteren Forderung an die Öffentlichkeit gegangen: die Ferien von neun auf sechs Wochen zu kürzen, weil überlange Ferien gerade in Mathematik und Rechtschreibung zu Wissensverlusten führen.
Philipp Nussböck.
Dritte Antwort
Doch zwischen verpflichtender Sommerschule und verkürzten Ferien fehlt eine dritte Antwort: ein Sommerangebot, das Kinder unterstützt und Familien entlastet, ohne neue Unterschiede zu schaffen. Denn ein verpflichtender Sprachkurs für die einen und private Camps für die anderen sind keine ausreichende Antwort auf die Bildungsungleichheit. Im Gegenteil: So entsteht der Eindruck, dass manche Kinder im Sommer „nachsitzen“ müssen, während andere Freizeit, Gemeinschaft und neue Erfahrungen sammeln dürfen. Was es braucht, sind kostenlose, niederschwellige Sommerangebote, die allen Kindern offenstehen – unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Wohnort.
Spielerisch lernen
Wie das aussehen kann? Nicht als klassische Sommerschule, sondern als Freizeitbetreuung mit Bildungswirkung. Kinder könnten gemeinsam Rätselrallyes lösen, Naturtage erleben, experimentieren, Rad fahren oder musizieren. Lernen passiert dabei nicht frontal und unter Druck, sondern spielerisch. Und genau darin liegt die Chance: Der Sommer kann ein Raum für Gemeinschaft, Integration und Zusammenhalt werden, statt Unterschiede weiter zu verstärken.
Dabei kann das Angebot über den Sommer hinweg unterschiedlich gestaltet sein. Entscheidend ist ein freiwilliges, niederschwelliges und kostenloses Angebot, das Familien über die gesamten Ferien hinweg nutzen können – genau dann, wenn sie es brauchen. Gegen Ende des Sommers könnten Kinder dann wieder schrittweise an mehr Tagesstruktur herangeführt werden. Lernstoff aus dem vergangenen Schuljahr ließe sich dabei spielerisch wiederholen – nicht als Nachhilfe unter Druck, sondern als Teil eines attraktiven Freizeitangebots.
Öffentliches Gut
Bildung darf nicht davon abhängen, wie viel Zeit, Geld und Anregung ein Elternhaus mitbringt. Sie ist ein öffentliches Gut. Der Sommer sollte Bildung und Chancengerechtigkeit nicht entgegenwirken. Vielmehr könnte er eine große Chance sein. Wer die Bildungsschere wirklich schließen will, investiert in mehr gemeinsame Möglichkeiten – damit jedes Kind im Sommer die Chance auf anregende Freizeitangebote und spielerisches Lernen hat.
Zum Autor:
Philipp Nussböck ist Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlags (öbv)
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