Medienkrise: Eine Herkulesaufgabe nicht nur für den ORF
Krisenmanagement der Stiftungsratschefs Lederer (re.) und Schütze in der Kritik.
Der plötzliche Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat den Österreichischen Rundfunk in eine noch nie da gewesene Krise gestürzt. Seit rund zehn Tagen dominieren Vorwürfe möglicher sexueller Belästigungen und Intrigen auf höchster Unternehmensebene die Schlagzeilen. Der ORF, hauptfinanziert durch die Gebührenzahlerinnen und Gebührenzahler mit mehr als 700 Millionen Euro aus dem ORF-Beitrag jährlich, kämpft mehr denn je mit einem massiven Glaubwürdigkeitsproblem. Die Interims-Chefin Ingrid Thurnher spricht kurz nach ihrem Antritt von einer „Herkulesaufgabe“. Angesichts des hohen Budgetdrucks, der aktuellen Organisation des Eurovision Song Contest 2026 und der nun neu entflammten Debatte über Unternehmenskultur und politische Einflüsse im ORF mag diese Formulierung aber noch untertrieben sein.
Jochen Prüller.
Was viele vergessen: Die Gefahr ist groß, dass die Krise des ORF den gesamten Medienstandort in einer für heimische Medien ohnehin sehr angespannten Zeit nach unten zieht. Aufgrund der Vielzahl an Baustellen werden in den nächsten Monaten am Küniglberg sicher die Strategie zur Schadensbegrenzung, die interne Aufarbeitung der Geschehnisse, die Einrichtung der neuen „Task Force“ und die nötige Imagekorrektur ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Strategische Projekte wie Kooperationen mit Privatsendern, die den Medienstandort gegenüber globalen Tech-Plattformen stärken sollen, drohen dadurch ins Hintertreffen zu geraten.
Fünf vor zwölf
Und das wäre mehr als fatal, denn tatsächlich ist es für heimische Medien bereits fünf nach zwölf: Nach der massiven Kündigungswelle im Herbst werden bei einzelnen Medienhäusern gerade die nächsten Effizienzmaßnahmen vorbereitet. Geopolitische Krisen verschärfen die wirtschaftlich ohnehin dramatischen Rahmenbedingungen. Und die neuesten Analysen aus der Werbewirtschaft sind auch alles andere als hoffnungsvoll: Im Jahr 2025 sind insgesamt 2,74 Milliarden Euro an Werbebuchungen aus Österreich an internationale Konzerne geflossen – das sind 936 Millionen mehr als an klassische Medien in Österreich. Eine Trendwende scheint hier nicht in Sicht.
Zögerliche Medienpolitik
Auch vor dem Hintergrund der zögerlichen Medienpolitik, die bisher nicht über Ankündigungen hinausgekommen ist, sind Kooperationen deshalb für die Stärkung des Medienstandorts essenziell. Gemeinsame österreichische Inhalte und geteilte Kosten bei Technik und Infrastruktur erhöhen die Sichtbarkeit rot-weiß-roter Medienangebote, stärken die Resilienz gegenüber externen Einflussfaktoren und bringen letztlich Vorteile für beide Seiten. Gerade die Privatsender, die die Medienvielfalt in Österreich tragen, profitieren nicht nur inhaltlich und technisch, sondern am Ende natürlich auch monetär und können so dem massiven Förderungsungleichgewicht entgegenwirken.
Kooperationen vorantreiben
Letztlich ist aber eines klar: Solange Kooperationen des ORF nicht gesetzlich verpflichtend sind, wird eine entscheidende positive Entwicklung kaum stattfinden. Ex-Generaldirektor Weißmann wurde in Bezug auf Kooperationen von allen Seiten viel Geschick attestiert, dieser Weg muss auch unter Interims-Chefin Thurnher fortgesetzt werden. Denn während der ORF nach innen schaut, entscheidet sich die Zukunft des österreichischen Medienstandorts draußen – und die wartet nicht auf eine interne Krisenbewältigung am Küniglberg.
Zum Autor:
Jochen Prüller ist Politik- und Kommunikationsberater in Wien.
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