ORF-Krise: Die Illusion der Objektivität

Die aktuellen Vorkommnisse sind nur ein Symptom. Warum es erneut eines Rundfunk(erneuerungs-)volksbegehrens bedarf. Ein Gastkommentar von Daniel Witzeling.
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Nun ist Österreichs größter Medienkonzern selbst ins Zentrum der Berichterstattung gerückt – jedoch gänzlich anders, als es dem Leitmedium ORF lieb sein dürfte. Im Kern scheint es nach dem Aufkommen einer komplexen Problematik um die Frage nach der Rolle und Bedeutung einer einst geachteten Institution zu gehen. Pensionen in Millionenhöhe und üppige Gehälter lassen, neben der medial transportierten Thematik um den zurückgetretenen Generaldirektor, die Wogen hochgehen.

Der Apparat, der sehr geübt darin ist, andere zu beurteilen, wird nun selbst in den Augen und zur Freude vieler Kritiker noch mehr zum Objekt einer gesellschaftlich negativen Bewertung und Objektivierung. Die sich nun anbahnenden weiteren Geplänkel sind für diesen speziellen „Freundeskreis“ von strategisch immensem Vorteil. Die Gegner des ORF haben nun einen oder mehrere Vorwände, die sie wie im Falle der FPÖ genussvoll ausschlachten und instrumentalisieren können. Da helfen weder Compliance-Abteilungen noch Whistleblower-Hotlines oder andere bemühte Schlagworte, die wohlklingend aus dem englischen Sprachraum importiert wurden. Es ist nämlich Faktum, dass der ORF schon seit Längerem ein Identitäts- und Glaubwürdigkeitsproblem hat. Die aktuellen Vorkommnisse sind nur ein Symptom der dahinter liegenden Probleme.

Ein Mann mit langen Haaren und einem dunklen Anzug vor einem roten Vorhang.

Daniel Witzeling.

Selbstbild verzerrt

Wie es in einem Konflikt zwischen zwei Menschen in der jeweiligen Wahrnehmung keine Objektivität gibt, so ist auch das Selbstbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als objektives Leitmedium verzerrt. Sich dieser Tatsache bewusst zu werden, wäre ein ehrliches Bemühen um zumindest eine möglichst große Annäherung an die Objektivität. Trotz aller Kritik ist der Mensch – Gott sei Dank – keine Maschine. Frei nach dem Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick leben wir alle, und somit auch der ORF in Form seiner Mitarbeiter, in einer konstruierten Wirklichkeit. Das Selbstbild einer objektiven Medienanstalt deckt sich schon lange nicht mehr mit dem Fremdbild, welches viele Menschen von der ehemals respektierten Institution haben.

Alle nun wohlgemeinten Bemühungen, größeren Schaden abzuwenden, hätten schon viele Jahre zuvor stattfinden sollen. So wie damals, als der ORF nach dem Rundfunkvolksbegehren von Hugo Portisch und dem KURIER bereits einmal regeneriert wurde, um dann erneut zu regredieren.

Existenzkampf

Das aktuelle Vorgehen ist bestenfalls Kosmetik oder, um im Medienjargon zu bleiben, „Maske“. Es braucht wieder ein Volksbegehren oder gar eine Volksbefragung, um die Beziehung der Österreicher zu ihrem Staatsfunk zu evaluieren – und dies so schonungslos, wie es aktuell von den Verantwortlichen verkündet wird. Fragestellungen um die Dimension des Medientankers und dessen Finanzierung, vor allem in Relation zu privaten Medienunternehmen, die gerade um ihre Existenz kämpfen, müssen hierbei behandelt werden.

Die Idee eines generellen Fördertopfes für alle Medien, um den öffentlich-rechtlichen Auftrag zu beackern, ist hierbei nicht außer Acht zu lassen. Der ORF hat kein Monopol auf Qualitätsjournalismus. Warum sollten andere Medien nicht auch von der üppigen Finanzierung des ORF profitieren? Vielleicht hätte dies einen qualitätssichernden und selbstreinigenden Effekt auf ebendiesen.

Zum Autor:
Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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