Ist Europa bereit für digitale Souveränität?
Supercomputer in den USA.
Braucht Europa digitale Souveränität? Die Antwort auf diese Frage ist einfacher als noch vor wenigen Jahren. Denn spätestens die Zollkriege und geopolitischen Spannungen des Jahres 2025 haben einen zuvor für selbstverständlich gehaltenen Grundsatz in Frage gestellt: Die Unantastbarkeit der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen.
Dabei ist die Realität europäischer Unternehmen und Organisationen eindeutig: Der tägliche Betrieb hängt in weiten Teilen von US-amerikanischen Hyperscalern und Softwareanbietern ab. Cloud-Infrastrukturen, Kollaborationsplattformen, Office-Lösungen, Identitätsmanagement, Datenanalyse – fast alle genutzten Bausteine stammen von global dominierenden Konzernen wie Microsoft, Google oder Amazon Web Services. Dass die Wahl oft auf sie fällt, überrascht nicht: Ihre Ökosysteme sind leistungsfähig, hochintegriert und betriebswirtschaftlich attraktiv. Genau darin liegt jedoch die strukturelle Abhängigkeit.
Michael Maier.
Ausschaltknopf als hypothetischer Worst Case
Niemand geht derzeit ernsthaft davon aus, dass amerikanische Unternehmen Europa den digitalen Stecker ziehen. Aber strategische Risikobetrachtung heißt auch den schlimmsten Fall zu berücksichtigen. Dabei ist klar: Digitale Infrastrukturen sind heute das Nervensystem moderner Volkswirtschaften. Wenn digitale Dienste abrupt eingeschränkt würden, käme es nicht zu bloßen Unannehmlichkeiten – sondern schnell zu systemischen Störungen.
Digitale Souveränität bedeutet, internationalen Entwicklungen zum Trotz handlungsfähig zu bleiben. Das Interesse an europäischen digitalen Alternativen wird spätestens seit 2025 lauter. Im Bereich der Cloud- und Hosting-Provider sind unter den innovativen und konkurrenzfähigen Playern beispielhaft Exoscale (Schweiz/Österreich), IONOS (Deutschland) oder das zur deutschen Schwarz-Gruppe gehörende STACKIT, das über ein Rechenzentrum in Österreich verfügt. Diese Unternehmen bieten DSGVO-konforme Server auf europäischem Boden an und ermöglichen mehr Kontrolle und Unabhängigkeit für Daten.
Technisch möglich heißt nicht sofort wirtschaftlich umsetzbar
Im Bereich Cloud-Infrastruktur den rein europäischen Weg zu gehen, ist technisch schon heute möglich, wenn auch sehr aufwendig. Vor allem ist es für viele Unternehmen wirtschaftlich nicht realistisch. Unternehmen, die beispielsweise immer schon ausschließlich US-Dienste genutzt haben, müssen Wege finden, spezifische Services, Schnittstellen und Formate zu migrieren. Hinzu kommen Transferkosten und lange Migrationszeiten sowie eine damit einhergehende notwendige organisatorische und kulturelle Transformation.
Durch die im Zuge der KI-Transformation stark gestiegenen Datenmengen sind auch die Infrastruktur-Anforderungen gewachsen. Im Gegensatz zu US-Hyperscalern verfügen nicht alle europäischen Anbieter über eine stark skalierbare GPU-Rechenleistung und einen hohen Reifegrad von KI-Services. Auch preislich sind die US-Mitbewerber schwer zu schlagen.
Fokus auf Hybridmodelle und parallele Aufrüstung
Bis auf Weiteres sind für die meisten europäischen Unternehmen Hybrid- bzw. Multi-Cloud-Modelle am sinnvollsten. Sensible Daten bzw. Workloads können über eine europäische Cloud abgewickelt werden, während der Rest über US-Hyperscaler abgewickelt wird. Auch die internationalen Player haben sich Alternativen überlegt: Einige bieten europäische Cloud-Versionen, andere integrieren EU-Compliance-Layer in ihre Services. Das hilft im Innovationsrennen gegen Mitbewerber, wodurch es für Unternehmen verkraftbar ist, dass sie keine hundertprozentige Datensouveränität aufweisen.
Uneingeschränkte Datensouveränität bedeutet, dass eine Anwendung oder Cloud-Lösung rechtlich, technisch, wirtschaftlich und politisch unabhängig ist. Um die digitalen Herausforderungen zu bewältigen, muss Europa seine IT-Infrastruktur in jedem Fall ausbauen, um die Skalierbarkeit des Angebots zu erhöhen und noch attraktivere Preismodelle zu ermöglichen. Ein digital vollständig souveränes Europa ist sowohl kurz- als auch mittelfristig jedenfalls nicht realistisch. Kritische Ressourcen souverän zu betreiben, ist politisch wie wirtschaftlich erstrebenswert.
Zum Autor:
Michael Maier ist Director Austria des KI- und Softwarespezialisten Iteratec.
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