Digitale Souveränität: Der Ausschaltknopf befindet sich in Washington
Die US-Regierung untersagte den Zugang zu den KI-Modellen von Anthropic für alle Nicht‑Amerikaner.
Ein KI-Modell, drei Tage alt und eines der leistungsfähigsten der Welt, war an einem Freitag im Juni plötzlich verschwunden. Kein Defekt, kein Angriff, keine technische Panne. Das US-Unternehmen Anthropic nahm auf Anweisung der Trump-Regierung seine stärksten Systeme binnen Stunden für einen großen Teil der Welt vom Netz. Was bisher vor allem für Mikrochips galt, traf damit erstmals die Software selbst. Washington behandelt KI inzwischen als strategisches Gut, kontrolliert wie eine Waffe.
Ob der Zugang nach ein paar Tagen zurückkehrt, ist zweitrangig. Die eigentliche Lektion liegt darin, dass er sich überhaupt abschalten ließ. Ein Beschluss aus Washington genügte, und Europa, das diese Werkzeuge gerade erst in seine Arbeitswelt integriert, konnte nur zusehen. Man muss diesen Vorgang nicht überhöhen, um seine Bedeutung zu erkennen. Er zeigt, wie dünn der Boden geworden ist, auf dem unsere digitale Zukunft steht.
Peter Sverak.
Denn während wir über digitale Souveränität sprechen, oft in einer Sprache, die kaum jemanden erreicht, ziehen Unternehmen, Banken, Verwaltungen und Spitäler KI längst in ihre Abläufe ein. Fällt ein solches Werkzeug aus, steht mehr still als eine Anwendung auf einem Bildschirm. Womöglich verzögert sich die Diagnostik einer Klinik, die Betrugserkennung einer Bank oder die Planung eines Industriebetriebs. Die Abhängigkeit endet auch nicht beim Modell. Die Cloud darunter ist amerikanisch, die Chips sind es ebenso, und selbst europäische KI wird mangels eigener Kapazität häufig auf US-Servern trainiert. Den Schalter, der all das stilllegen kann, hält ein anderer in der Hand.
Der Abstand wird größer. Während die EU rund 20 Milliarden Euro für KI-Gigafabriken mobilisieren will, planen Amazon, Google, Microsoft und Meta für 2026 Investitionen von mehreren Hundert Milliarden Dollar. In den Bilanzen dieser Konzerne wäre Europas Souveränitätsbudget beinahe eine Fußnote. Ein Wettlauf, bei dem es noch um klassisches Aufholen ginge, ist das kaum mehr.
Europäische Reflexe
Trotzdem greifen die europäischen Reflexe zu kurz. Die einen träumen davon, ein eigenes Silicon Valley nachzubauen, zehn Jahre zu spät und damit ohne realistische Aussicht. Die anderen regulieren, als könnte ein Gesetz jene Fähigkeit ersetzen, die fehlt, wenn ein kritisches System von einem Tag auf den anderen schweigt. Die EU hat das Problem zwar erkannt, doch die Ausschreibung für ihre Gigafabriken wurde mehrfach verschoben. Eine Abhängigkeit, die jetzt entsteht, wartet nicht auf ein Vergabeverfahren. Die Frage lautet deshalb, wie Europa handlungsfähig bleibt, wenn Amerika seine Prioritäten ändert. Souveränität heißt im 21. Jahrhundert nicht, alles selbst zu besitzen; sie bedeutet, nicht erpressbar zu werden.
Abschottung wäre die falsche Antwort. Die Nähe zu Amerika ist ein Vorteil, sie darf nur nicht zur Falle werden, wenn einer einseitig den Stecker zieht. Diese Logik kennen wir aus anderen Bereichen längst. Österreich hält Gasreserven und sichert seine Stromnetze; kritische Infrastruktur behandeln wir als das, was sie ist. Niemand würde die Energieversorgung allein vom Beschluss eines fremden Ministeriums abhängig machen. Im digitalen Raum aber tun wir genau das.
Europa braucht keine Kopie Amerikas, Europa braucht Absicherung. Längst gibt es Modelle, deren Bauplan offenliegt und die man im Notfall selbst betreiben kann. Dazu gehört eigene Rechenkapazität, die als Reserve dient, ebenso eine öffentliche Beschaffung, die Anbieterwechsel ermöglicht, statt sich über Jahre festzubinden. Am Ende steht eine einfache Einsicht: Digitale Abhängigkeit gehört in dieselbe Kategorie wie Strom und Wasser – als Frage der Vorsorge, bevor sie eine der Innovation wird.
Macht beruhte lange auf Land und Rohstoffen; heute verläuft sie durch Rechenzentren und die Modelle, die darin entstehen. Diese neue Macht braucht keine Zölle und keine Truppen. Es genügt ein Dienst, der eines Morgens nicht mehr antwortet, leiser als jedes Embargo und ebenso wirksam. Wer darüber verfügt, entscheidet nicht nur über den nächsten Fortschritt, sondern über den Spielraum ganzer Staaten. Europa sollte das ernst nehmen, solange es noch eine Entscheidung ist.
Zum Autor:
Peter Sverak ist Strategie- und Kommunikationsberater in Wien. Nach mehreren Jahren in Diensten der Wiener ÖVP hat er sich 2025 selbstständig gemacht.
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