Iranisches Regime: Wo stehen wir in der Geschichte?
Hände weg vom Iran? Auch von seinem menschenverachtenden Regime?
Ich bin keine Politikerin. Ich bin Ärztin, mit der Verantwortung, Leid zu lindern und menschliches Leben zu schützen. Deshalb betrachte ich das Weltgeschehen vor allem aus einer menschlichen und ethischen Perspektive. Und ich glaube, dass auch Politik sich von dieser Perspektive nicht lösen darf.
Vielleicht ist es genau deshalb, dass ich mich seit Langem mit Fassungslosigkeit frage, wenn ich lächelnde Politikerinnen und Politiker an der Seite von Vertretern der Islamischen Republik sehe und neue Berichte über weitere Versuche der Beschwichtigung lese: Wo stehen wir in der Geschichte? Was ist geschehen, dass die Würde des Menschen so sehr an Bedeutung verloren hat?
Somayeh Farhadi-Müller.
Diese Frage richtet sich nicht an eine unbestimmte „Welt“. Sie richtet sich an europäische Regierungen, die noch immer von Dialog und mehr Zeit sprechen. Sie richtet sich an die Politik jener Länder, die gegenüber der Islamischen Republik zwischen verbaler Verurteilung und fortgesetzter Normalisierung gefangen bleiben. Und sie richtet sich auch an jenen Teil der europäischen Öffentlichkeit, der aus Ablehnung gegenüber der Politik der USA oder Israels die Verbrechen der Islamischen Republik ausblendet und manchmal sogar unter der Fahne eben dieses Regimes auf europäischen Straßen erscheint.
Hinrichtungen
Wer heute Zugang zu Informationen hat, kann kaum noch behaupten, nichts gehört zu
haben: von den fortlaufenden Hinrichtungen, den zahlreichen Berichten über Folter und
Vergewaltigung, den Massentötungen unbewaffneter Demonstrierender im Januar 2026, der Verfolgung Verletzter bis in die Krankenhäuser, der Folter und Hinrichtung von
medizinischem Personal wegen der Behandlung verletzter Protestierender, der Gewalt
gegen Kinder und der Abschaltung des Internets in Krisenzeiten. Ebenso wenig kann man behaupten, nichts über die Rolle der Islamischen Republik bei der Destabilisierung der Region gehört zu haben: über wiederholte Verletzungen von Waffenruhen, die
Unterstützung terroristischer Gruppen, die Bedrohung der Straße von Hormus und die
Drohungen gegen Nachbarländer.
Die Belege sind so zahlreich, dass die eigentliche Frage längst nicht mehr lautet, ob wir
wissen oder nicht. Die Frage lautet: Was tun wir mit diesem Wissen? Ist all das wirklich noch zu leugnen? Mit Erstaunen sehen wir, wie die Diskussion manchmal auf die genaue Zahl der Opfer reduziert wird. Aber ist die Zahl die entscheidende Frage, wenn das Verbrechen selbst vor unseren Augen steht? Selbst wenn es nur um das Leben eines einzigen Menschen ginge: Wenn das Leben von Tausenden nicht ausreicht, um die Beschwichtigung zu beenden, welche Zahl braucht unser Gewissen dann?
Wenn all diese Berichte über die Innen- und Außenpolitik der Islamischen Republik
unbegründet sind, dann muss ihre Unbegründetheit bewiesen werden. Wenn sie aber nicht unbegründet sind, dann ist die Verteidigung dieses Regimes nicht mehr nur eine politische Haltung. Dann muss man sagen: Wir wissen es, und dennoch verteidigen wir weiter.
Die Islamische Republik lässt sich nicht durch eine einzelne Akte oder eine einzelne Krise erklären. Das Problem liegt im wiederkehrenden Verhalten dieses Regimes: im Inneren Hinrichtungen, Massentötungen und Einschüchterung; nach außen Raketen, Drohnen, Stellvertretergruppen, die Bedrohung von Energierouten und die Geiselnahme von Sicherheit. Diese beiden Ebenen sind nicht voneinander getrennt. Sie sind zwei
verschiedene Sprachen derselben Logik.
Entwertung des Lebens
Diese Logik entwertet menschliches Leben. Im Inneren werden unbewaffnete Demonstrierende brutal unterdrückt und getötet. Nach außen wird das Leid anderer Völker als politisches Werkzeug und als humanitäre Maske benutzt. Ein Regime, dem das Leben palästinensischer Menschen wirklich wichtig wäre, könnte nicht gleichzeitig Drohnen auf die Menschen in der Ukraine schicken, iranische Demonstrierende massakrieren und selbst in Krieg und Krise durch die Abschaltung des Internets, die Kontrolle von Informationen und das Vorenthalten von Warnungen das Leben der eigenen Bürgerinnen und Bürger zu einem Instrument der Kontrolle machen.
Ein solches Regime, das selbst im Moment der Gefahr zuerst an die Kontrolle der Bevölkerung denkt und nicht an deren Rettung, ähnelt weniger einer legitimen Regierung als einer repressiven Struktur, die die Menschen eines Landes und die globale Sicherheit in Geiselhaft nimmt.
Wer solche menschenfeindlichen Handlungen ignoriert oder durch Schweigen, Relativierung und politische Vorsicht den Weg für ihre Fortsetzung ebnet, kann sich nicht mehr hinter Unwissenheit verstecken. In Wahrheit wird damit oft nur eine scheinbare Ruhe und ein kurzfristiges Eigeninteresse bewahrt; während Menschlichkeit und langfristiger Frieden diplomatischen Rücksichten, Energiepreisen, geopolitischen
Berechnungen und erschöpften Hoffnungen geopfert werden, die am Ende nur den
Unterdrückern nützen.
Beim Namen nennen
Deshalb geht es heute nicht nur um Iran. Es geht darum, ob Europa und die Welt endlich bereit sind, das Wesen dieses Regimes beim richtigen Namen zu nennen: nicht als schwierigen Partner, nicht bloß als regionale Herausforderung, nicht als komplexen Verhandlungspartner, sondern als korrupte und menschenfeindliche Struktur, die Gewalt im Inneren wie nach außen zu einem politischen Instrument gemacht hat.
Solche Momente haben wir viele Male in Geschichtsbüchern gelesen: Regierungen, die
Gewalt ausübten; Menschen, die getötet wurden; jene, die schwiegen; und jene, die sich mit geordneten, scheinbar vernünftigen Worten neben das Verbrechen stellten, ohne sich selbst als Teil davon zu begreifen. Wir lasen diese Seiten und fragten: Wie war das möglich? Wie konnten sie sehen und nicht verstehen? Wie konnten sie wissen und trotzdem rechtfertigen?
Was haben sie gewählt?
Nun steht die Welt erneut an einem solchen empfindlichen Punkt. Jahre später werden
Menschen über diese Tage lesen und fragen: Als die Wahrheit sichtbar war, was haben sie gewählt: Menschlichkeit oder Interesse?
Die Geschichte ist, anders als die Tagespolitik, nicht freundlich zu höflichen Worten. Sie kommt spät, aber wenn sie kommt, zeigt sie die Wahrheit ohne Schleier. Und wer dieses Wegsehen heute noch als politische Haltung verkauft, sollte sich nicht wundern, wenn die Geschichte es eines Tages nicht Vorsicht nennt, sondern eine Form der Mitwirkung angesichts von Verbrechen gegen den Menschen.
Relativierung
Wer solche menschenfeindlichen Handlungen ignoriert oder durch Schweigen, Relativierung und politische Vorsicht den Weg für ihre Fortsetzung ebnet, kann sich nicht mehr hinter Unwissenheit verstecken. Deshalb geht es heute nicht nur um Iran. Es geht darum, ob Europa und die Welt endlich bereit sind, das Wesen dieses Regimes beim richtigen Namen zu nennen: nicht bloß als regionale Herausforderung, nicht als komplexen Verhandlungspartner, sondern als korrupte und menschenfeindliche Struktur, die Gewalt im Inneren wie nach außen zu einem politischen Instrument gemacht hat.
Nun steht die Welt erneut an einem solchen Punkt. Jahre später werden Menschen darüber lesen und fragen: Als die Wahrheit sichtbar war, was haben sie gewählt: Menschlichkeit oder Interesse? Die Geschichte ist, anders als die Tagespolitik, nicht freundlich zu höflichen Worten. Sie kommt spät, aber wenn sie kommt, zeigt sie die Wahrheit ohne Schleier. Und wer dieses Wegsehen heute noch als politische Haltung verkauft, sollte sich nicht wundern, wenn die Geschichte es eines Tages nicht Vorsicht nennt, sondern eine Form der Mitwirkung angesichts von Verbrechen gegen den Menschen.
Zur Autorin:
Somayeh Farhadi-Müller ist Neurologin in Wien. Studierte Medizin im Iran, lebt seit Jahren in Österreich.
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