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Fußball ist mehr als ein Spiel: Von Gregoritsch & Co. lernen

Gegenwärtig scheint es an Gemeinsinn zu fehlen. Vom Fußball kann man ihn lernen. Ein Gastkommentar von Zoltan Peter.
FIFA World Cup 2026 - Group J - Jordan v Argentina - Fans gather in Buenos Aires

„Im Fußball gibt es keine Ethnien, keine Religionen, keine verschiedenen Kulturen. In dem Moment, in dem wir dasselbe Dress anhaben oder für dieselbe Mannschaft jubeln, sind wir gleich. Das sollte man sich hinter die Ohren schreiben oder überallhin, wo es sichtbar ist: Miteinander können wir sehr viel mehr erreichen als gegeneinander.“

Die Worte des österreichischen Nationalspielers Michael Gregoritsch beschreiben nicht nur die Haltung einer Fußballmannschaft. Sie enthalten auch eine bemerkenswerte gesellschaftliche Beobachtung: Auf dem Fußballplatz verschwinden Unterschiede nicht. Die Spieler bleiben heterogen – hinsichtlich ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Weltanschauung oder ihrer Persönlichkeit. Trotzdem treten diese Unterschiede während eines Spiels in den Hintergrund. Entscheidend ist aber eines: Alle verfolgen gemeinsam dasselbe Ziel. Sie akzeptieren dieselben Regeln und wissen, dass sie nur gemeinsam erfolgreich sein können.

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Zoltan Peter.

Unterschiede und Konflikte

Warum gelingt das auf dem Fußballplatz so selbstverständlich und in der Gesellschaft so selten?

Vielleicht deshalb, weil wir den Blick häufig auf das richten, was uns trennt, anstatt auf das, was uns verbindet. Wir sprechen über Identitäten, Unterschiede und Konflikte. Sehr viel seltener sprechen wir darüber, welche gemeinsamen Ziele wir eigentlich verfolgen und welche Vorstellungen eines guten Zusammenlebens wir teilen. Gerade darin liegt der Kern von Gregoritschs Aussage: Das gemeinsame Trikot steht nicht für Gleichmacherei, aber es symbolisiert eine gemeinsame Aufgabe. Niemand muss seine Herkunft oder seine Überzeugungen aufgeben, um Teil einer Mannschaft zu sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf ein gemeinsames Ziel einzulassen.

Natürlich ist auch der Sport keine heile Welt. Elfriede Jelinek hat in ihrem „Sportstück“ eindrucksvoll beschrieben, wie Wettkampf in Überbietung, Machtdemonstration und Gewalt münden kann. Tatsächlich ist Wettbewerb immer ambivalent. Es macht jedoch einen Unterschied, ob gegnerische Mannschaften auf dem Fußballplatz, ob Musiker auf einer Konzertbühne oder Wissenschafter auf ihrem Sachgebiet miteinander konkurrieren (das kann durchaus fruchtbar sein) oder ob sich Staaten in Aufrüstungsspiralen und Unternehmen auf Kosten von Mensch und Natur gegenseitig zu übertreffen versuchen.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf den Fußball. Dort richtet sich Wettbewerb nach außen, gegen den sportlichen Konkurrenten. Innerhalb der Mannschaft gelten andere Regeln. Wer egoistisch spielt, gegen Teamkollegen arbeitet oder den eigenen Erfolg über den der Mannschaft stellt, gefährdet das Ganze. Erfolgreiche Teams leben von Vertrauen, Kreativität und gegenseitiger Unterstützung. Teamgeist ist keine romantische Idee, sondern eine Voraussetzung für Erfolg.

Das gilt auch für Gesellschaften. Seit Jahrzehnten diskutieren wir vor allem über Integration. Doch möglicherweise greift dieser Begriff zu kurz. Es geht nämlich nicht nur darum, ob Menschen in eine Gesellschaft integriert sind. Viel wichtiger ist die Frage, ob sie fähig sind, tragfähige Beziehungen aufzubauen – zu anderen Menschen, zu gemeinsamen Institutionen und zu der Welt, in der wir alle leben (wollen).

Gemeinsame Ziele

Eine demokratische Gesellschaft braucht deshalb mehr als Gesetze und wirtschaftlichen Erfolg. Sie braucht gemeinsame Ziele, verbindende Werte und die Bereitschaft, Unterschiede demokratisch zu tolerieren, ohne das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren. Gerade daran scheint es gegenwärtig zu fehlen.

Gemeinsame Welt

Vielleicht erklärt das auch, weshalb viele Menschen den Fußball so lieben. Für 90 Minuten entsteht dort etwas, das außerhalb des Stadions viel zu selten gelingt: Menschen unterschiedlichster Herkunft erleben Freude und Enttäuschung miteinander und sie wissen, dass ausschließlich gutes Teamwork zum Sieg führt.

Fußball ist deshalb mehr als ein Spiel. Es erinnert uns daran, dass Zusammenleben dort gelingt, wo Menschen bereit sind, eine gemeinsame Welt zu teilen.

Zum Autor:

Zoltan Peter ist Soziologe und leitet den Verein für Kultur- und Toleranzforschung. Aktuelles Buch: „Schule an der Grenze der Toleranz“. Aktuelles Projekt: Beziehungsfähigkeit als Alternative zu Integration.

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