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Fan oder Fanatiker: Nur eine Frage der Eskalation?

Vom Fantum zur Gewalt ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Ein Gastkommentar von Paul Sailer-Wlasits.
Jubelnde Menschenmenge mit rot-weißen Fahnen, viele lachen, klatschen und feiern ausgelassen.

Fans sind gegenwärtig der Inbegriff des Enthusiasmus, im Wechselspiel von hingebungsvoller Teilhabe und Begeisterung. Als fester Bestandteil der Populärkultur reicht deren Bandbreite von schwärmerischen Kleingruppen über sportbegeisterte Fankurven in Stadien bis hin zur synchronisierten Ekstase von Millionen im Rahmen von Mega-Konzerten.

Zumeist agieren Fans innerhalb pluralistischer Strukturen und geben vielfältige Identitäts- und Zugehörigkeitsbezeugungen ab. Kaum ein analoger oder digitaler Lebensaspekt, der vom globalen Merchandising nicht erfasst wäre, von Fankleidung bis zu vielfältigsten Fanar-tikeln mit Devotionalien-Charakter. Doch vom begeisterten Bewunderer zum gewaltbereiten Anhänger ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Ein Mann im Anzug denkt nach, die Hand ans Kinn gelegt, vor einem Baum.

Paul Sailer-Wlasits.

Kipppunkte der Leidenschaft

Die bevorstehenden Jubel- und Sprechchöre der Fans während des Eurovision Song Contest und der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft unterscheiden sich fundamental vom Gebrüll politischer und religiöser Fanatiker. Auch Letztere verehren vehement, doch das Vertreten ihrer „Wahrheiten“, Überzeugungen und Ideologien geht weit über affektgeladene Idolisierung hinaus. Ihre Form der bedingungslosen Huldigung kippt an einem bestimmten Punkt in obsessive Unterwerfung und vollständigen Gehorsam gegenüber Führungspersonen, politischen Ideen, oder religiösen Vorbildern. Anstelle von Pluralismus und Toleranz sind Abgrenzung, Ausgrenzung und Feindbildrhetorik die tragenden Elemente ihres Agierens.

Im Unterschied zum Fantum, das Teilhabe an etwas propagiert, begnügt sich Fanatismus nicht mit dem Teil: Er geht auf das Ganze, er ist stets das Ganze. Während beim Fan spielerische Komponenten überwiegen, erhebt der Fanatiker den Anspruch auf Unumstößlichkeit. Fakten, die widersprechen, werden ignoriert oder so lange umgedeutet, bis sie ins eigene Weltbild passen. Letztlich werden sämtliche Kritiker und Gegner pauschal delegitimiert und zu politischen oder religiösen Feinden erklärt.

Nicht selten führt fanatische Identifikation mit autoritären Führungsfiguren dazu, dass deren Macht zur eigenen – jedoch nur gefühlten – Macht und Stärke umfunktioniert wird. Aufgrund mangelnder Distanz zum sakrosankten „Heroen“ bewerten Fanatiker auch jegliche Kritik an ihrem Idol als persönlichen Angriff. Vom „Brennen“ für die Sache hin zum Fackelzug Vermummter und deren mentaler Einheit ist es oftmals nur ein kurzer politischer Weg. In Momenten äußerster Zuspitzung genügen nur wenige, gezielt gesetzte Impulse – nicht selten von Demagogen –, um fanatisierte Anhänger in ekstatische, von rasender Glaubenswut getriebene Kämpfer zu transformieren.

Ist die Dynamik massenhafter Erregung erst einmal entfesselt, gerät ein politisches Kollektiv in einen Zustand nahezu vollständiger Immunität gegenüber Korrektur und Widerspruch. Gegenargumente verhallen wirkungslos. Dass soziale Medien und KI diese Tendenz erheblich verstärken können, ist evident. Algorithmisch kuratierte Echokammern verdichten vorhandenes fanatisches Potenzial, indem bereits Fanatisierte mit wachsender Präzision genau jene Inhalte erhalten, die ihr bestehendes Weltbild bestätigen. Menschenmassen können bewegt werden.

Fanatismus durchzieht sprachlich nahezu alle Lebensbereiche, bis hin zur eklatanten Abwertung und Ausgrenzung des anderen und dessen Kultur. Getragen wird das Fanatische vom Pathos der Steigerung und von rigidem Schwarz-Weiß-Denken, das den Nährboden für Extremismus bildet. Denn Fanatismus ist mehr als bloß quantitativ gesteigertes, intensiviertes Fantum. Die Jugend- und Freizeitkultur hat den Begriff weitgehend entpolitisiert, ökonomisiert und in alltägliche, scheinbar harmlose Kontexte überführt. Doch die Auflösung individueller Distanz im Kollektiv birgt auch Risiken: Wer im Sprechchor der Menge aufgeht, gibt mitunter mehr auf als nur seine Stimme.

Riesige Besucherströme kommen weltweit mit Erwartungen zu Großveranstaltungen, teils mit Hoffnungen und Wünschen. Nur weil deren Verhalten und Reaktionen erforscht, in Teilen vorhersehbar und berechenbar sind, dürfen enthusiasmierte Menschenmengen nicht politisch gelenkt, manipuliert und damit missbraucht werden.

Zum Autor:
Paul Sailer-Wlasits ist Sprachphilosoph und Politikwissenschafter in Wien („Demagogie. Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen“).

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