In Marseille lieferten sich Russen, Engländer und Franzosen Schlachten.

© DIENER/EM

Interview
06/29/2016

Fan-Gewalt als "Zelebrierung harter Männlichkeit"

Der Politikwissenschaftler Georg Spitaler spricht über den Fußball und seine (gewalttätigen) Fans.

von Florian Plavec

Ein Teil dieses Interviews wurde schon vor der EURO geführt. "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Leuten, die zu einem Großereignis fahren und den klassischen Vereinsfans", sagte damals Georg Spitaler, seines Zeichens Politikwissenschaftler an der Uni Wien, Mitarbeiter im Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, Fußballexperte und -fan. "Bei der EURO 2008 habe ich keinen einzigen Hooligan gesehen. Bei den Russland-Spielen saßen Pärchen im Publikum, die sich einen schönen Urlaub gönnen." So gesehen sollte in Frankreich nichts geschehen.

Irrtum. Gleich der Turnierauftakt wurde von Ausschreitungen in Marseille überschattet, an denen russische, englische und französische Randalierer beteiligt waren. Und auch in anderen Spielorten kam es zu Schlägereien zwischen Hooligans.

KURIER: Herr Spitaler, warum haben Sie sich Anfang Juni geirrt?

Georg Spitaler: Es ist einiges zusammengekommen. In Marseille hat die lokale Fanszene von Olympique eingegriffen. Dann sind ein paar Hundert Hooligans aus Russland gekommen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Zwar gibt es auch bei diesen Fans Betreuung vom Verband, aber Themen wie Gewaltprävention und Antirassismus werden dort nicht wirklich ernst genommen.

Und das reicht schon für so schwere Ausschreitungen?

Das geht dann schnell. Die aufgeheizte Stimmung widerspiegelt die Situation in Europa, nur beim Fußball wird sie noch schneller sichtbar. Bei dieser EURO ist das hässliche Gesicht des Nationalismus zurückgekehrt.

Auch englische Fans waren immer wieder in Keilereien verwickelt.

England hat sehr viele Fans. Wenn ein Ort an seine Kapazitäten stößt, wenn etwa das Bier ausgeht, kann das schon haarig werden.

Verstört haben ungarische Fans, auftrainierte Muskelmänner, die aggressiv mit nacktem Oberkörper posen.

Trotz einer von der UEFA gerichteten TV-Bildregie waren diese Männer nicht zu übersehen. Das ist eine Zelebrierung harter Männlichkeit. Fankultur spielt oft mit Bildern, die vor den Kopf stoßen. Eine ganz friedliche Fankultur wird es so bald nicht geben. Es ist auch die Frage, ob man das überhaupt will. Fußball ist eine Populärkultur und hat viel mit der Frage von Klasse und Schicht zu tun. Die Alternative dazu ist ein Fußball, den sich nur noch die Mittelschicht leisten kann.

Welche Funktion hat der Fußball für die Menschen?

Was da unten auf dem Fußballfeld passiert, ist seit mehr als Hundert Jahren verbunden mit der Vorstellung von Nation und anderen Formen von Identifikation. Und Nationalsportarten haben immer schon etwas mit der Definition von Männlichkeit zu tun gehabt.

Weshalb brauchen wir das?

Parteipolitische Milieus werden immer unwichtiger. Deshalb brauchen wir die Populärkultur und vor allem den Sport, über den wir uns definieren. Fußball ist etwas, woran sich Menschen freiwillig und mit großer emotionaler Anteilnahme beteiligen und wo es dann auch ein Fantum gibt. Es bedeutet etwas, Anhänger einer bestimmten Mannschaft zu sein.

Und der Fußball bleibt männlich?

In Österreich hat sich der Prozentsatz der Frauen erhöht, aber Fußball bleibt männlich geprägt. Der Fußballplatz ist ein rauer, authentischer Ort für ein maskulines Vergnügen. Und prägendes Bild in den Stadien sind heute die organisierten Fans, die sich stark in die Ultra-Richtung entwickelt haben. Und da sind wir beim Thema Rassismus.

Weil?

Offener Rassismus ist zurückgegangen, weil die Initiative dagegen in den 90er-Jahren zuerst einmal von den Fans gekommen ist. Am besten kenne ich die Fanszene von Rapid. Die Einstellung der Menschen in der Kurve geht von ganz rechts bis durchaus links, aber die führenden Köpfe wägen sehr genau ab, welche Botschaften nach außen dringen. In den letzten zehn Jahren habe ich von keinem Vorsänger rassistische Botschaften gehört.

Wie sehen Sie die Situation in Österreich im internationalen Vergleich?

Offene Gewalt kommt selten vor. Bei der Austria gab es diese Gruppe "Unsterblich", die ihre Konflikte auch außerhalb des Stadions ausgetragen hat. Bei diesen Hooligans war das Schlägern wichtiger Teil der Kultur, bei den Ultras ist es das nicht mehr. Aber es gibt noch immer Gruppen, die eine klassische Territorialität gewalttätig ausleben.

Ist der Fußball in Österreich studentischer, intellektueller geworden?

Fußball ist auf der Uni nicht nur akzeptiert, sondern sogar generell positiv besetzt. Und gerade zu den kleinen Vereinen wie Vienna oder Sportklub gehen viele Menschen, weil sie dort eine alternative und antirassistische Fankultur finden, die etwas Piratenmäßiges hat.

Doch es scheint, dass es bei den großen Vereinen mehr um den Sport geht und bei den kleinen um Spaßkultur.

Die Ernsthaftigkeit des Ergebnisses ist bei Rapid oder Austria sicher höher. Aber ich würde den Leuten bei der Vienna und beim Sportklub nicht den Vorwurf machen, dass ihnen Fußball nicht wichtig ist. Die Unterhaus-Kultur hat es in Wien schon immer gegeben. Aber viele dieser Fans haben schon so viele Niederlagen erlebt, dass sie es verstanden haben, dass ihr Verein in zwei Jahren nicht in der Champions League spielen wird.

Woran merken Sie das?

Ich war beim Cup-Spiel Sportklub gegen Red Bull Salzburg auf der Friedhofstribüne. Ich war fassungslos, wie die es schaffen, dem Gegner nach einer 1:12-Niederlage zu applaudieren. Es ist Teil dieser Fankultur, zu sagen: Wir nehmen es nicht ganz so todernst.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.